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Wehrpflicht gegen Extremismus : Abteilung kehrt?

Fallschirmjäger in der Nähe von Ahrenviölfeld (Schleswig-Holstein) nach ihrem Absprung Bild: dpa

Seit sechs Jahren ist die Wehrpflicht ausgesetzt. Der Fall Franco A. lässt die Debatte um sie wieder aufleben. Aber ist das sinnvoll?

          Der Fall des unter Terrorverdacht stehenden Oberleutnants Franco A. hat eine groteske Blüte hervorgebracht: Ein rechtsextremistisches Netzwerk, dessen Größe nach momentanem Ermittlungsstand keine Handvoll Soldaten umfasst, muss als Anlass herhalten, 170.000 Soldaten und die Aussetzung der Wehrpflicht infrage zu stellen. So äußerte der CDU-Bundestagsabgeordnete Patrick Sensburg, die Bundeswehr sei kein Querschnitt der Gesellschaft mehr. Wehrdienstleistende seien „ein verlässliches Frühwarnsystem“, um Extremismus zu erkennen.

          Er ist nicht allein. Außer der AfD, die als einzige Partei die Wiedereinführung in ihrem Programm fordert, stärkt ihm mancher Bundeswehr-Experte wie der langjährige Professor der Bundeswehruniversität München, Michael Wolffsohn, den Rücken. Den Befürworten steht die Mehrheit der Berliner Politiker, allen voran der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels (SPD), sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel gegenüber, die die Debatte gerne beendet sähe. Doch weder Befürworter noch Gegner stellen sich bislang in ihrer Gänze den wichtigsten Argumenten. Es gibt gute Gründe, sie sich einmal genauer anzuschauen. Sechs Thesen in der Analyse:

          PRO

          Die Bundeswehr muss wieder ein Spiegelbild der Gesellschaft sein

          Der Forderung liegt die Annahme zugrunde, dass die Truppe anfälliger für Rechtsextremismus geworden ist, weil die Vielfalt der Soldaten abnehme. Die These ist doppelt problematisch. Zunächst einmal ist die Zahl rechtsextremistischer Verdachtsfälle laut Auskunft des Militärischen Abschirmdienstes der Bundeswehr seit Aussetzung der Wehrpflicht deutlich gesunken. Darüber hinaus ist das Bild stets falsch gewesen. Denn die Bundeswehr war zu keiner Zeit ein Spiegelbild der Gesellschaft. Bestenfalls ein Zerrspiegel. Kriegsdienstverweigerer waren vom Wehrdienst ausgenommen. Frauen und bekennende Homosexuelle fanden sich, im Gegensatz zu heute, ebenfalls nicht in der Truppe. Auch wurden zuletzt nur noch 16 Prozent der Männer eines Jahrgangs „gezogen“, weil schlicht der Bedarf der Truppe zu gering geworden war. Dass sich die Motivation (und damit die Einstellung und Zusammensetzung) der Bewerber verändert hat, ist denkbar. Bewiesen ist sie aber bislang nicht.

          Die Wehrpflicht würde die Nachwuchssorgen der Truppe beenden

          Dass die Bundeswehr Nachwuchssorgen hat, ist Fakt. Sie schafft es noch nicht einmal, den Mindestbedarf von 170.000 Soldaten zu decken. Trotz „Attraktivitätsoffensive“ ist sie für viele junge Erwachsene schlicht nicht attraktiv genug. Die Jahrgänge schrumpfen, der zivile Arbeitsmarkt punktet oftmals mit höheren Gehältern und mehr Flexibilität. Besonders großer Mangel besteht bei akademischen Berufen wie Medizinern und IT-Spezialisten und in Einheiten mit hohen Abwesenheitszeiten, insbesondere auf Kriegsschiffen. Mit einer Wiedereinführung würde die Wahrscheinlichkeit steigen, dass mehr junge Menschen sich bei den Streitkräften verpflichten würden. Allerdings würde auch der Bedarf an Ausbildern rasant wachsen. Und es bliebe offen, ob sie auch tatsächlich diejenigen verpflichten würden, die die Bundeswehr dringend braucht, um ihre Lücken zu stopfen.

          Die Wehrpflicht würde den jungen Menschen „gut tun“

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