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Breslau : Alles fließt ineinander

In Breslau wurde die Altstadt mit den Kirchen auf der Dominsel nicht zu einer Betonwüste gemacht. Bild: Jan-Peter Boening/laif

Breslau sucht noch seinen Platz zwischen deutscher und polnischer Geschichte. Aber die Vielschichtigkeit ist für die Stadt ein Gewinn.

          Komm, lass mich mahlen, und du ruh dich aus.“ – Es ist eine kleine, alltägliche Wendung gewesen, die Bürgermeister Rafal Dutkiewicz im Januar in seine Festrede geflochten hat, als er im Neubau des „Nationalen Musikforums“ am Breslauer Schlossplatz das Jahr eröffnete, in dem seine Stadt, das polnische Wroclaw, Europas Kulturhauptstadt sein wird. Zugleich aber ist „Day ut ia pobrusa, a ti poziwai“ – so heißt der Satz in seinem 746 Jahre alten Original – gleich auf zweierlei Weise sehr breslauisch.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Erstens nämlich ist er sehr polnisch, oder genauer: er ist der älteste bekannte polnische Satz überhaupt, also etwa das, was die Merseburger Zaubersprüche im Deutschen sind. Dass das „Heinrichauer Gründungsbuch“ von 1270, in welchem er steht, ausgerechnet in Breslau liegt, im erzbischöflichen Museum auf der Dominsel, mag also als Omen für die polnische Gegenwart dieser Stadt gelten. Zweitens aber hat dieser Satz auch alles, was Breslaus Wurzeln über das Polnische hinaus so verflochten macht. Das Heinrichauer Gründungsbuch nämlich ist jenseits dieses einen Satzes durchgängig lateinisch gefasst; die Autoren waren deutsche Mönche, und den polnischen Ur-Satz spricht nicht etwa ein Pole, sondern ein böhmischer Bauer zu seiner polnischen Frau: Lass mich mahlen, ruh dich aus – die steinernen Handmühlen waren schwer in jenen Zeiten.

          Es gilt bis heute: Vielschichtigkeit, wohin man sieht, in dieser Stadt, die vor hundert Jahren nach Berlin und Hamburg noch die drittgrößte Deutschlands war und die heute, zwei Weltkriege, zwei mörderische Diktaturen und zwei Massenvertreibungen später, die viertgrößte in Polen ist. Überall dieser Doppelcharakter aus Polonität an der Oberfläche und dann etwas viel, viel Komplizierteres in den Schichten darunter – bis hinein in die Skandale, die diese Stadt ebenfalls hat.

          „Recht und Gerechtigkeit“

          Der letzte zum Beispiel, ausgebrochen im Herbst, nach dem Machtantritt der nationalkonservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ unter Jaroslaw Kaczynski in Warschau: Kaczynskis Kulturminister Piotr Glinski war zu Ohren gekommen, dass das Breslauer „Teatr Polski“ das Stück „Der Tod und das Mädchen“ der österreichischen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek geben wolle und dass tschechische Pornodarsteller dabei „echten Sex“ zeigen sollten. Glinski forderte die Absetzung des Stücks, katholische Aktivisten beteten Rosenkränze, und die liberale Presse rief „Zensur!“.

          Das Vaterland gegen ein Konglomerat aus tschechischem Sex, österreichischer Literatur, polnischer Regie: ein Kulturkampf entbrannte, ausgetragen zwischen der Regierung und einem oppositionellen multieuropäischen Milieu, für das Breslau seither zum Symbol geworden ist – eine Stadt, in der Kaczynski nie wirklich ein Bein auf den Boden gebracht hat und wo der nationalkonservative Präsident Andrzej Duda selbst bei seinem großen Wahlsieg von 2015 nur auf 41 Prozent kam. Zum Sex im „Teatr Polski“ ist es dann zwar nicht gekommen, aber das von höchster Stelle verdammte Stück ist seither ausverkauft, und als Minister Glinski, der Hüter des patriotischen Erbes, später in die Stadt kam, um das Kulturjahr einzuläuten, wurde er ausgebuht.

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