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Papstwahl : Der große Bruder des Kardinals

Kardinal Joseph Ratzinger (r) mit seinem Bruder Georg Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Georg Ratzinger, der ehemalige Domkapellmeister, telefoniert auch vor dem Konklave mit seinem Bruder, dem Kardinal Joseph Ratzinger. Um Geheimes geht es jedoch nicht.

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          An sein erstes Zusammentreffen mit dem kleinen Bruder kann sich Georg Ratzinger nicht erinnern. Er weiß nur noch, daß am Karsamstag des Jahres 1927 in seinem Elternhaus im oberbayerischen Marktl am Inn eine seltsame Unruhe herrschte und daß ihn die Eltern nicht zur rechten Zeit weckten. Nach einiger Zeit des wachen Wartens entschloß sich der Dreijährige schließlich zu fragen. "Vater, darf ich aufstehen?" Mit der Antwort konnte der Junge zunächst nicht viel anfangen: "Nein, du mußt noch weiterschlafen, wir haben ein Büblein bekommen."

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der nächste Gedächtnissplitter zeigt Georg zusammen mit seiner älteren Schwester Maria: Weil es graupelte, mußten sie daheimbleiben, während Mutter und Vater den Säugling noch am Tag seiner Geburt in einer nahen Kirche auf den Namen Joseph taufen ließen. Wer auf die kleinen großen Geschwister des Täuflings aufpaßte, hat Georg Ratzinger vergessen. In Erinnerung ist ihm aber noch, daß das neue Brüderchen so gut wie nichts bei sich behalten konnte - außer Haferschleimsuppe. "Die ißt er noch heute gern.

          Der Domkapellmeister

          Vor bald elf Jahren hat der 81 Jahre alte Prälat das Amt des Domkapellmeisters der Regensburger Domspatzen, das er seit 1964 ausgeübt hatte, an einen Jüngeren abgegeben. Georg Ratzinger lebt mitten in der Regensburger Innenstadt, wo sich Kapellen mit Bäckereien und Modeketten abwechseln, wo sich japanische Touristen durch Rokokokirchen schleusen lassen und Nonnen auf klapprigen Fahrrädern unterwegs sind. Sechs Ruhestandspriester sind sie im Kollegiatsstift von den beiden Johannes, dem Täufer und dem Evangelisten. Jeden Morgen um sieben feiern sie einen Gottesdienst. Georg Ratzinger kann wegen seiner Sehschwäche nur noch konzelebrieren.

          Sein kleiner Bruder, der Kardinal, ist seit dem Tod Johannes Pauls II. und vor Beginn des Konklave am kommenden Montag in aller Munde - als Dekan des Kardinalskollegiums im Vatikan und sogar als Papabile, als möglicher neuer Papst. Maria Ratzinger, die Schwester, führte Joseph Ratzinger den Haushalt, seit er seinen ersten Lehrstuhl als ordentlicher Professor in Bonn hatte, und ging später auch mit ihm nach Rom. Sie ist an Allerseelen 1991 gestorben.

          Sonntags wird telefoniert

          Die Brüder haben erst vor vier Tagen telefoniert, wie jeden Sonntag nachmittag. Georg Ratzinger fährt dann immer mit dem Bus aus Regensburg hinaus nach Pentling. Aus Josephs Haus in dem Vorort ruft er im Vatikan an und meldet, "daß es noch steht". Sein knapp 78 Jahre alter Bruder, der zwei Tage zuvor die Totenmesse für Papst Johannes Paul II. zelebriert hatte, habe ein bißchen müde geklungen, "aber nicht abgeschafft".

          Gilt die Schweigepflicht der Kardinäle vor der Papstwahl auch gegenüber dem eigenen Bruder? "Ich frage ihn nichts, was ihn in Verlegenheit bringen könnte", sagt Georg Ratzinger diplomatisch. Die Brüder sprechen am Telefon viel über Alltägliches, über gemeinsame Bekannte oder Dinge, die sie im Radio gehört haben. "Das lenkt ihn ab und entspannt ihn", erzählt Georg Ratzinger. Viermal im Jahr kommt der Kardinal den Prälaten in Regensburg besuchen und geht zum Grab der Eltern. Die Brüder essen mittags bei Georg in der Stadt und abends in Pentling bei Joseph. Dann spülen sie gemeinsam ab.

          So nah sie sich auch sind - Georg Ratzinger sieht doch Unterschiede. "Er ist eben doch sehr rational", sagt der musikalische Prälat über den professoralen Kardinal. "Er war ein Spitzenschüler, sehr konzentriert von Jugend an. Als Älterer war ich aber schon sein Ansporn." Er selbst habe sich schon als Junge stärker zur Musik hingezogen gefühlt.

          Der Krieg trennt die Familie

          Zwei Jahre nach Josephs Geburt, 1929, zog die Familie nach Tittmoning an der Salzach, 1932 nach Aschau am Inn. In den dreißiger Jahren kaufte der Vater, der bei der Landpolizei arbeitete, von seinen Ersparnissen ein kleines Bauernhaus in Hufschlag bei Traunstein. Auf der Wiese vor dem Haus mit der Scheune spielten die Brüder Ball, im nahen Wald sammelten sie Beeren und Holz zum Heizen.

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