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Dokumentation : Ratzinger über die Zukunft eines christlichen Europas

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Das neue Werk - Gedanken des zukünftigen Papstes Bild: dpa/dpaweb

Letzte Woche erschien sein Buch „Werte in Zeiten des Umbruchs - Die Herausforderungen der Zukunft bestehen“, in dem sich der neue Papst mit Politik, Moral und der Verantwortung der Christen auseinandersetzt. FAZ.NET dokumentiert einige Passagen.

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          Vor einer Woche erschien von Kardinal Joseph Ratzinger, seit Dienstagabend Papst Benedikt XVI., das Buch „Werte in Zeiten des Umbruchs - Die Herausforderungen der Zukunft bestehen“. Darin setzt er sich grundsätzlich mit Politik und Moral, der Vergangenheit und Zukunft Europas sowie der besonderen Verantwortung der Christen auseinander.

          FAZ.NET dokumentiert einige Passagen zur Zukunft eines christlichen Europas:

          Seltsame Unlust an der Zukunft

          „Es gibt in Europa eine seltsame Unlust an der Zukunft. Am deutlichsten ist dies daran zu erkennen, daß Kinder als Bedrohung der Gegenwart angesehen werden; sie werden weithin nicht als Hoffnung, sondern als Grenze der Gegenwart empfunden.

          Europa scheint ausgerechnet in der Stunde seines äußersten Erfolgs von innen her leer geworden, gleichsam von einer lebensbedrohenden Kreislaufkrise gelähmt, auf Transplantate angewiesen. Diesem inneren Absterben der tragenden seelischen Kräfte entspricht es, daß auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen erscheint (...)

          Die kommunistischen Systeme sind gescheitert, zunächst an ihrer falschen ökonomischen Dogmatik. Aber man übersieht allzu gern, daß sie tieferhin an ihrer Menschenverachtung, an ihrer Unterordnung der Moral unter die Bedürfnisse des Systems und seine Zukunftsverheißungen zugrunde gegangen sind. Die eigentliche Katastrophe ist nicht wirtschaftlicher Natur; sie besteht in der Verwüstung der Seelen, in der Zerstörung des moralischen Bewußtseins.

          Religiöse Problematik wird verdrängt

          Ich sehe ein wesentliches Problem für Europa und für die Welt darin, daß zwar nirgends das wirtschaftliche Scheitern bestritten wird und daher Altkommunisten ohne Zögern zu Wirtschaftsliberalen geworden sind. Hingegen wird die moralische und religiöse Problematik, um die es eigentlich ging, fast völlig verdrängt.

          Insofern besteht die vom Marxismus hinterlassene Problematik auch heute fort: die Auflösung der Urgewißheiten des Menschen über Gott, über sich selbst und über das Universum. Die Auflösung des Bewußtseins moralischer Werte, die nie zur Disposition stehen, kann aber zur Selbstzerstörung des europäischen Bewußtseins führen, die wir ­ unabhängig von Spenglers Untergangsvision ­ als eine reale Gefahr ins Auge fassen müssen.

          Wie soll es weitergehen?

          So stehen wir vor der Frage: Wie soll es weitergehen? Gibt es in den gewaltigen Umbrüchen unserer Zeit eine Identität Europas, die Zukunft hat und zu der wir von innen her stehen können? Für die Väter der europäischen Einigung ­ Adenauer, Schumann, de Gasperi ­ war es klar, daß es eine solche Grundlage gibt und daß sie im christlichen Erbe unseres durch das Christentum gewordenen Kontinents besteht.

          Für sie war klar, daß die Zerstörungen, mit denen uns die Nazidiktatur und die Diktatur Stalins konfrontierten, gerade auf der Abstoßung dieser Grundlage beruhten ­ auf einer Hybris, die sich dem Schöpfer nicht mehr unterwarf, sondern beanspruchte, selbst den besseren Menschen zu schaffen und die schlechte Welt des Schöpfers umzumontieren in die gute Welt, die aus dem Dogmatismus der eigenen Ideologie entstehen sollte.

          Grundlage gemeinsamer Werte

          Für sie war klar, daß diese Diktaturen, die eine ganz neue Qualität des Bösen hervorbrachten, auf der gewollten Abschaffung Europas beruhten und daß man wieder zu dem zurückkehren müsse, was diesem Kontinent in allen Leiden und Verfehlungen seine Würde gegeben hatte.

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