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Kommentar : Wider den Zeitgeist

Anregend, fordernd, distanzierend: Benedikt XVI Bild: dpa/dpaweb

Als Benedikt XVI. könnte Joseph Ratzinger versucht sein, die Grenzen des päpstlichen Primats hinauszuschieben. Frauenordination, Laieninstruktion, Schwangerenkonfliktberatung, Ökumenischer Kirchentag: Deutschland wäre das Feld, auf dem sich Kraftproben anböten.

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          Am Tag, als der deutsche Kurienkardinal Joseph Ratzinger unter Michelangelos "Weltgericht" zum Papst gewählt wurde, da feierte die katholische Kirche das Fest eines deutschen Papstes, des heiligen Leo IX.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Am 19. April des Jahres 1054 war der Sproß einer elsässischen Grafenfamilie nach einem fünf Jahre währenden Pontifikat gestorben. Der Kirche hatte er einen Stempel aufgedrückt, der nicht verblaßte. Papst Leo erneuerte die Kirchendisziplin. Ämterkauf, Unkeuschheit des Klerus, Einmischung von Fürsten, wie vieles andere damals gang und gäbe, stießen auf seinen erbitterten Widerstand. Um der Kirche einen evangeliumsgemäßen, von Askese geprägten Geist zu geben, verbündete er sich mit den größten Theologen und den Kirchenreformbewegungen seiner Zeit, vor allem den Cluniazensern. Ganz Europa bereiste er, um seinen Forderungen Gehör zu verschaffen. Auch die Kurie reformierte Leo. Doch das Beharren auf dem Primat des Papstes hatte auch seine Schattenseiten. Es führte zum Bruch zwischen der Kirche von Rom und der Kirche von Byzanz. In das Todesjahr Leos fällt die bis heute andauernde Spaltung Europas in einen orthodoxen Osten und einen lateinisch geprägten Westen.

          Fast tausend Jahre später, seit dem 19. April 2005, steht wieder ein Deutscher an der Spitze der katholischen Kirche. Doch Benedikt XVI. dürfte an dem Deutschen Leo IX. nicht nur Maß nehmen, sondern er wird an ihm auch gemessen werden.

          Schon als junger Theologe in München und Bonn, als Konzilsberater des Kölner Kardinals Frings, später als Professor in Tübingen und Regensburg war Ratzinger nie ein Mann des relativistischen Zeitgeistes gewesen. Seine Suche galt den wahren Zeichen der Zeit, der unverfälschten und unverfälschenden Weise, von Gott zu sprechen. Dieser fast absolute Anspruch machte ihn zu einem ebenso anregenden und fordernden wie mitunter distanzierenden Gesprächspartner. Professorenkollegen wie Walter Kasper und Karl Lehmann, als Dogmatiker Ratzinger ebenbürtig, aber von anderer Denkform, bekamen das schon früh zu spüren. Auch der mit sich und der Welt ringende deutsche Katholizismus der Katholikentage, bis hin zu der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (1972-1975), war Ratzinger schon immer wesensfremd. Mehr noch: Kaum etwas ist dem scharfen Denker so zuwider wie das, was der Berliner Kardinal Bengsch einst "Dialogbesoffenheit" genannt hat.

          Spuren in den Akten der Stasi

          An diesen Empfindungen und Empfindlichkeiten hat sich in den vergangenen vierzig Jahren kaum etwas geändert; die in historischen - und in persönlichen - Tiefenschichten gründenden Aversionen zwischen Ratzinger und "den Deutschen" haben sich eher noch vergrößert. Frauenordination, Laieninstruktion, Schwangerenkonfliktberatung, Ökumenischer Kirchentag - keines dieser "heißen Eisen" in der deutschen Kirche glühte so stark, hätte Ratzinger als Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre nicht auf der Reinheit der Lehre bestanden. Die Spuren, die er dabei hinterlassen hat, sind sogar in den Akten der Stasi zu finden. Dort ist nachzulesen, warum der Erfurter Bischof Wanke nach dem Willen Ratzingers 1989 nicht Nachfolger Meisners in Berlin werden durfte: die Themen Frauen, Ökumene, Laien - diesen Lackmustest hatte Wanke nicht bestanden. Inzwischen ist er Vorsitzender der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz.

          Ratzinger aber ist nun Papst. Als Benedikt XVI. dürfte er überall in Europa, und nicht nur dort, für eine Reform der Kirche wirken und sie vor den Verlockungen des Zeitgeistes zu bewahren versuchen. Aber wie Leo IX. könnte er auch versucht sein, die Grenzen des päpstlichen Primats mit Macht hinauszuschieben. Nach all dem, was sich in den vergangenen Jahren zugetragen hat, wäre Deutschland wohl das Feld, auf dem sich Kraftproben anböten.

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