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„D-Day“ vor 75 Jahren : „Das ganze Meer war voller Schiffe“

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Die Truppen der Alliierten nach der erfolgreichen Landung in der Normandie am Strand mit dem Codenamen Omaha Bild: Reuters

„Feiern wir die Freiheit!“ Unter diesem Motto läuft das Gedenken an den „D-Day“. Vor 75 Jahren begann die „Operation Overlord“, mit der die Alliierten im Westen zum entscheidenden Schlag gegen Nazi-Deutschland ausholten.

          Dem Allerhöchsten müssen im Frühjahr 1944 die Ohren geklungen haben. „Lasst uns um den Segen des allmächtigen Gottes für dieses große und edle Unternehmen bitten“, notierte Amerikas General Dwight D. Eisenhower in seinem Tagesbefehl für den 6. Juni, dem Tag, an dem vor 75 Jahren die Landung der Alliierten in der Normandie begann. Mit der „Operation Overlord“ sollte Nazi-Deutschland vom Westen her in die Knie gezwungen werden.

          Der britische Feldmarschall Alan Brooke ließ verlauten: „Ich wünsche mir bei Gott, dass alles schon vorbei und gut gegangen wäre.“ Sein Landsmann Betram Ramsay dagegen schien entschlossen, den Sieg zu erzwingen: „Wir werden all die Hilfe brauchen, die Gott uns geben kann“, so der Admiral. „Ich kann nicht glauben, dass sie uns verweigert werden wird.“ Messen wurden gelesen - während vier amerikanische Marinesoldaten für ein Foto ihre fast kahl rasierten Schädel präsentierten. Die ausgesparten Stellen bildeten die Buchstaben H-E-L-L, Hölle. „Das ist bei weitem das größte Ding, das wir je versucht haben“, so der britische Premierminister Winston Churchill im Vorfeld gegenüber Amerikas Präsident Franklin D. Roosevelt.

          Schon 1943 hatten die Führer der Vereinigten Staaten, der Sowjetunion und Großbritanniens - Roosevelt, Joseph Stalin und Churchill - eine Landung in Nordfrankreich beschlossen, um eine neue Front im Kampf gegen Hitler-Deutschland zu eröffnen. Monatelang wurde der von General Eisenhower befehligte gigantische Militäreinsatz „Overlord“ vorbereitet. In den frühen Morgenstunden des 5. Juni gab Eisenhower dann mit seinem berühmten „Ok, let’s go“ grünes Licht. Mehr als 150.000 Soldaten aus Amerika, Kanada und Großbritannien landeten an fünf Stränden in Nordfrankreich, denen sie die Codenamen Utah, Omaha, Gold, Juno und Sword gaben, gut 20.000 weitere Soldaten sprangen mit Fallschirmen über der Region ab.

          Ein Meer voller Schiffe

          Von der mit Abstand größten amphibischen Landung der Weltgeschichte spricht der britische Historiker Andrew Roberts und nennt Zahlen. 6.939 Wasserfahrzeuge, 11.500 Flugzeuge und zwei Millionen Mann seien aufseiten der Alliierten zum Einsatz gekommen. Der „längste Tag“ begann um kurz nach Mitternacht. Rund 5.000 Schiffe setzten sich am 6. Juni laut Roberts in Bewegung, die Luftstreitkräfte flogen 13.000 Einsätze.

          Es war ein Militäreinsatz, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte: „Der Horizont war nicht mehr zu sehen, das ganze Meer war voller Schiffe“, erinnert sich der französische Veteran Georges Ménage an den D-Day. Der heute 97-Jährige war einer von mehr als 154.000 alliierten Soldaten, die damals in der Normandie landeten. Der Brite Jim Wallwork war einer der ersten, die mit einem Lastensegler um 0.16 Uhr beim Seekanal von Caen an Land ging.

          Bilderstrecke

          Und die Deutschen? Adolf Hitler rechnete schon länger mit einem Großangriff vom Westen. Hier werde „die entscheidende Landungsschlacht geschlagen“. Um sich dagegen zu wappnen, hatten Hitlers Strategen den „Atlantikwall“ errichten lassen. Zwei Millionen Zwangsarbeiter mussten dafür schuften, angeblich 18 Millionen Tonnen Beton wurden verbaut. Dass die Invasion der Alliierten dennoch gelang, hatte unter anderem damit zu tun, dass die deutsche Luftwaffe sowie die U-Bootflotte praktisch ausgeschaltet waren. Außerdem war die deutsche Heeresleitung, namentlich Erwin Rommel und Gerd von Rundstedt, uneins über die Vorgehensweise.

          Kriegsentscheidend waren aber vor allem die beiden Täuschungsmanöver Fortitude North und Fortitude South, mit denen die Alliierten den Deutschen vorgaukelten, ihren Vorstoß über den Ärmelkanal und weiter im Norden Europas zu unternehmen und nicht entlang der Normandie. Eine ganze Phantomarmee mit Panzerattrappen aus Gummi sowie Nachbauten von Hauptquartier und Landeplätzen kam dabei zum Einsatz. Die Folge: Das Gros der deutschen Truppen stand am 6. Juni in Norwegen, den Niederlanden, Belgien und am Pas de Calais, nicht aber in der Normandie.

          Von überallher zogen Hitlers Befehlshaber nun Soldaten zusammen. Teile der 2. SS-Panzerdivision „Das Reich“ löschten am 10. Juni auf ihrem Marsch Richtung Normandie das Dorf Oradour-sur-Glane aus, mit mehr als 600 Toten eines der schlimmsten Massaker in dieser Phase des Krieges. Das Töten und Morden - es sollte noch lange nicht vorbei sein. Die Alliierten stießen auf teils erbitterten Widerstand. Einen Durchbruch brachte im August die Kesselschlacht bei Falaise. Sie machte den Weg nach Paris frei. Am 25. August trafen französische Soldaten als erste in der Hauptstadt ein.

          Wenn in diesen Tagen internationale Spitzenpolitiker, darunter Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der amerikanische Präsident Donald Trump und Bundeskanzlerin Angela Merkel, in der Normandie an den D-Day erinnern, werden wohl zum letzten Mal Veteranen in nennenswerter Zahl dabei sein. In Portsmouth besteigen am Mittwoch rund 300 britische Veteranen mit ihren Familien ein Schiff und landen in den Morgenstunden des 6. Juni in der Normandie - wie zehntausende Soldaten vor 75 Jahren. Trump und Emmanuel Macron leiten dann dort die zentrale Gedenkfeier auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof im nordfranzösischen Colleville-sur-Mer.

          Kaum eine Rolle dürfte beim Gedenken spielen, dass die Sowjetunion 1943, ein Jahr vor der „Operation Overlord“, an der Ostfront in den Panzerschlachten am Kursker Bogen den Untergang der Wehrmacht einleitete. 75 Jahre später ist die Erinnerung immer noch geteilt. In die Zukunft weist dagegen ein großes Forum für den Frieden, das am Mittwoch endet. Es findet im ehemaligen Kloster Abbaye aux Dames in Caen statt.

          So lief der „D-Day“ am 6. Juni 1944 ab

          5. JUNI

          04.30 Uhr: US-General Dwight D. Eisenhower gibt mit seinem berühmten „Ok, let’s go“ grünes Licht für den Beginn der Militäroperation.

          21.15 Uhr: Der britische Rundfunksender BBC sendet Auszüge aus einem Gedicht des französischen Poeten Paul Verlaine - das Signal an die französischen Widerstandskämpfer in der Normandie, dass sie mit Sabotageakten gegen die Deutschen beginnen sollen.

          22.15 Uhr: In Großbritannien starten die ersten Flugzeuge mit britischen und US-Fallschirmjägern.

          6. JUNI

          00.05 Uhr: Die ersten Aufklärer springen über der Region ab, um die Landeplätze für die folgenden Fallschirmjäger zu markieren. Zudem beginnen alliierte Flugzeuge mit der Bombardierung deutscher Stellungen.

          00.15 Uhr: Die ersten alliierten Flugzeuge mit Soldaten und Material landen im Hinterland der Normandie-Küste.

          00.50 Uhr: Britische Soldaten übernehmen die Kontrolle über die strategisch wichtigen Brücken von Bénouville, Pegasus Bridge genannt, und Ranville. In den folgenden Stunden landen tausende Fallschirmjäger in der Normandie.

          05.00 Uhr: Die gigantische Schiffsflotte der Alliierten kommt vor den Stränden der Normandie an. Weniger als eine halbe Stunde später beginnen die Kriegsschiffe mit dem Beschuss deutscher Stellungen.

          06.30 Uhr: Beginn der Landung von US-Truppen an den Stränden mit den Codenamen Utah und Omaha.

          07.00 bis 07.45 Uhr: Beginn der Landung von britischen Soldaten an den Stränden Sword und Gold sowie von kanadischen Soldaten am Strand Juno.

          09.30 Uhr: General Eisenhower gibt in der BBC die Landung der Alliierten in der Normandie offiziell bekannt.

          10.00 Uhr: Adolf Hitler wird von seinem Umfeld geweckt. Um die gleiche Zeit wird Generalfeldmarschall Erwin Rommel informiert, der für die Verteidigung der Atlantikküste zuständig ist, wegen des Geburtstages seiner Frau aber in Deutschland weilt. Er eilt am selben Tag in die Normandie zurück.

          12.00 Uhr: Der britische Premierminister Winston Churchill gibt vor dem Parlament in London eine Erklärung zur Alliierten-Landung ab.

          18.00 Uhr: Der französische General Charles de Gaulle hält im Exil in London eine Radioansprache und verkündet: „Die Entscheidungsschlacht hat begonnen!“

          Mitternacht: Am Ende des D-Day sind 156.000 alliierte Soldaten in der Normandie gelandet. Mehr als 11.000 tote, verwundete oder vermisste Soldaten sind bei den Alliierten zu beklagen. (AFP)

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