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Attacken auf Ölanlagen : Was die Luftangriffe in Saudi-Arabien für Deutschland bedeuten

  • -Aktualisiert am

Ein F-35A-Kampfflugzeug Bild: dpa

Europa ist heute aus der Luft verwundbarer als vor zwanzig Jahren. Es wäre unverantwortlich, es dabei zu belassen. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Am Sonntag haben mindestens 19 unbemannte Flugkörper eine der größten Ölraffinerien in Saudi-Arabien schwer beschädigt. Dieser Angriff ist in mehrfacher Weise ein Warnsignal für Europa und Deutschland. Die Hauptcharakteristika der Bedrohungslage sind übertragbar: Immer mehr Arten von Flugkörpern sind verfügbar und gleichzeitig ist der Schutz Europas mangelhaft. Eine wachsende Zahl von Akteuren ist in der Lage, Flugkörper als Waffe zu nutzen. Neben militärischen Zielen rücken auch kritische zivile Infrastrukturen ins Fadenkreuz. Die Angreifer können zudem unerkannt bleiben.

          Drohnenangriffe sind nur ein kleiner Ausschnitt der Realität eines extrem erweiterten Bedrohungsspektrums aus der Luft. Die Weiterverbreitung und -entwicklung neuer Technologien und Waffensysteme spielen hier eine zentrale Rolle.

          Ihre Folgen haben nicht nur Auswirkungen auf den Nahen Osten, aber sie zeigen sich hier besonders deutlich: Die Houthi haben in den vergangenen Monaten und Jahren immer mehr fliegende Waffensysteme in ihrem Kampf eingesetzt. Die gleichen Dynamiken sind auch in Europa und in den Einsatzländern der Bundeswehr am Werk.

          Weil mittlerweile sehr einfach einsetzbare Technologien verfügbar sind, können mehr Akteure aus der Luft angreifen – wie etwa die Houthi, der sogenannte Islamische Staat oder Milizen in der Ostukraine. Das ist ein Anreiz für Staaten, die von ihnen unterstützten Gruppen in Stellvertreterkriegen mit solchen Systemen auszustatten.

          Noch kein Krieg, aber erheblicher Schaden

          Wenn nun viele Akteure Luftangriffe ausführen können, erweitert sich auch die Zahl der potentiell Verantwortlichen. So können Iran, Russland und den pro-russischen Milizen in der Ost-Ukraine Luftschläge nicht mehr so leicht nachgewiesen werden. Die Angriffe bleiben so unterhalb der Schwelle eines Krieges und bringen dennoch erheblichen Schaden.

          Der stellvertretende Direktor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Christian Mölling
          Der stellvertretende Direktor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Christian Mölling : Bild: DGAP
          Torben Schütz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Berliner Denkfabrik DGAP.
          Torben Schütz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Berliner Denkfabrik DGAP. : Bild: DGAP

          Am anderen Ende des Bedrohungsspektrums stehen Mittelstreckenraketen. Das Ende des INF-Vertrages hat ihr verheerendes Potential wieder ins Gedächtnis gerufen: Russische landbasierte Marschflugkörper mittlerer Reichweite können schon heute alle politischen Zentren in Europa mit der Ausnahme von Lissabon erreichen. Sie bedrohen zudem kritische Infrastruktur wie Häfen oder Flughäfen.

          Luftverteidigungsnetzwerke als Angriffsziel

          Schon heute haben landgestützte Systeme eine geringe Vorwarnzeit und können deshalb nur schwer abgewehrt werden. Die Geschwindigkeit der Flugkörper wird sich in den kommenden Jahren weiter erhöhen – hypersonische Waffen fliegen schon heute mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit, gleichzeitig werden sie immer schwerer zu orten sein.

          Durch die umfassende Digitalisierung der Flugabwehr und der Flugkörper entsteht eine neue Schnittstelle zwischen Luft- und Cyberraum. Dies führt nicht nur zu neuen Möglichkeiten, sondern auch zu neuen Verwundbarkeiten. Moderne Kampfflugzeuge nutzen immer häufiger die digitalen Strukturen der Luftverteidigungsnetzwerke als Angriffsziel.

          Rüstungskontrolle ausweiten – Abwehrfähigkeiten erhöhen

          Nimmt man das gesamte Bedrohungsspektrum ernst, müssen neue politische und technische Lösungen her. Ein neues Rüstungskontrollregime etwa oder Nichtverbreitungsverträge, die zum Teil schon heute verhindern, dass Technologien für größere Drohnen, moderne Kampfflugzeuge, ballistische Raketen und Marschflugkörper weiter in Umlauf kommen.

          Diese Verträge müssten jedoch mindestens um China und Indien erweitert werden. Das wird so lange nicht passieren, wie die nötigen Anreize für diese Staaten fehlen. Viele Technologien und die daraus resultierenden Systeme werden durch Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung jedoch nicht ausreichend reguliert werden können: Kleinstdrohnen etwa sind kommerziell verfügbar und erfordern nur wenig Anpassung für militärische oder terroristische Zwecke.

          Deutschland und Europa haben über die letzten 20 Jahre ihre Abwehrfähigkeiten gegen bekannte Bedrohungen aus der Luft um circa zwei Drittel reduziert. Wer sich ernsthaft gegen neue Bedrohungen und Akteure verteidigen können will, muss viel in Systeme und in eine hohe Einsatzbereitschaft investieren. Zum Beispiel in einen Mix aus verschiedenen Flugabwehrsystemen, die unterschiedliche Reichweiten, Qualitäten und Quantitäten von Bedrohungen bekämpfen können.

          Hier wartet also eine Gemeinschaftsaufgabe für Europa – zusammen mit den Vereinigten Staaten als Partner. Denn Flugabwehr wird in Europa über die Nato organisiert. Europa könnte seine eigene Handlungsfähigkeit stärken und mehr von den Lasten in der Nato übernehmen, indem es seine Beiträge erheblich erhöht.

          Die schwierige politische Frage wird auftauchen, was alles geschützt werden soll: nur wenige neuralgische Punkte in der kritischen Infrastruktur? Oder ganze Großstädte und Regionen wie das Ruhrgebiet? Europa ist heute aus der Luft verwundbarer als vor zwanzig Jahren. Es wäre unverantwortlich, es dabei zu belassen.

          Bild: F.A.Z.

          Christian Mölling ist stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Torben Schütz ist bei der Berliner Denkfabrik als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig.

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