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Amokläufe : Der Massenmörder, mein Vorbild

Der Blick des inhaftierten Massenmörders Anders Behring Breivik. Der Münchner Amokläufer, der neun Menschen erschoss, hatte unter anderem die Bluttaten des Norwegers studiert. Bild: dpa

Kriminologen warnen, dass Berichte über Amokläufer Nachahmungstätern als Vorlage dienen können – und tatsächlich finden sich bei Winnenden, Utøya und München Gemeinsamkeiten.

          Zwischen den Amokläufen von Winnenden und München gibt es Parallelen. Ali David S., der 18 Jahre alte Amoktäter aus München, hatte Schwierigkeiten in der Schule. Genauso wie Tim K., der damals 17 Jahre alte Attentäter von Winnenden und Wendlingen, der im März 2009 insgesamt 15 Menschen und sich selbst tötete. In der Wohnung von Ali David S. fand die Polizei zudem das Buch „Amok im Kopf“. Darin wird die Tat von Tim K. im Detail beschrieben.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Kriminologen, die über Amoktäter forschen, warnen immer wieder, dass Berichte über Amokläufer Nachahmungstätern als Vorlage dienen können. Ali David S. hatte aber nicht nur den Amoklauf an der Winnender Albertville-Realschule studiert, sondern auch den Massenmord des norwegischen Attentäters Anders Behring Breivik. Dieser hatte am 22. Juli 2011 auf der Insel Utøya 77 Menschen getötet. Seinen eigenen Amoklauf beging Ali David S. auf den Tag genau fünf Jahre später.

          In Winnenden begann kurze Zeit nach dem Amoklauf eine umfangreiche strafrechtliche, zivilrechtliche, wissenschaftliche und politische Aufarbeitung der Tat. Damals dauerte es einige Tage, bis Polizei und Medien ein realistisches Psychogramm des Täters zeichnen konnten. Zunächst war berichtet worden, dass es sich um einen „ganz normalen“ und „völlig unauffälligen“ Schüler gehandelt habe. Die familiären und schulischen Schwierigkeiten wurden erst nach und nach öffentlich.

          Politisch wurde noch im Herbst von der damaligen schwarz-gelben Koalition eine Kommission unter dem ehemaligen Stuttgarter Regierungspräsidenten Udo Andriof eingesetzt. Der Landtag beauftragte zudem einen Sonderausschuss damit, das vorhandene Konzept zur Amokprävention zu überarbeiten.

          Viele Empfehlungen wurden umgesetzt

          Die Andriof-Kommission stellte schon Ende September 2009 ihre insgesamt 83 Empfehlungen vor: Schulen sollten mit Amok-Alarmanlagen ausgerüstet werden, Klassenzimmer künftig von innen verriegelt werden können. Gefordert wurde auch ein Verbot von gewalttätigen Computerspielen sowie die Anhebung der Altersgrenze für großkalibrige Waffen auf 21 Jahre.

          Lehrer, Polizei, Jugendämter, Jugendpsychiater sollten systematischer darüber informiert werden, welche Warnsignale es vor Amoktaten geben könnte. Der Sonderausschuss des Landtags formulierte später 60 Empfehlungen, von denen viele umgesetzt worden sind: So sind die Klassenräume heute von innen verschließbar; an den Schulen gibt es mehr Beratungsstunden. Außerdem entwickelte das Kultusministerium ein Gewaltpräventionsprogramm.

          Unter großer öffentlicher Anteilnahme fanden in den Jahren 2011 und 2013 ein Strafprozess sowie ein Revisionsverfahren gegen Tims Vater Jörg K. statt. Der Vater hatte eine Pistole vom Typ „Beretta 92FS“ unverschlossen in einem Schrank im Schlafzimmer aufbewahrt und die dazugehörige Munition im Nachttisch. Die Tat wurde hierdurch erleichtert.

          Vorläufiger Abschluss nach sieben Jahren

          Weil ihm die Vorschriften des Waffengesetzes bekannt gewesen seien, so das Gericht damals, trage der Vater eine Mitschuld. In dem Revisionsverfahren wurde Jörg K. im Februar 2013 zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt.

          Die juristische Aufarbeitung fand sieben Jahre nach der Tat einen vorläufigen Abschluss im April 2016: Die Zivilkammer des Heilbronner Landgerichts entschied, dass Tim K.s Ärzte in der Psychiatrischen Klinik die Tat nicht vorhersehen konnten. Der Vater hatte gegen das Klinikum geklagt, weil er gehofft hatte, einen Teil der Schadenersatzansprüche der Opfer auf die Haftpflichtversicherung der Klinik abwälzen zu können.

          Die Stadt Winnenden, die dortige Stiftung gegen Gewalt an den Schulen sowie die Schule selbst befassen sich bis heute intensiv mit der Amoktat und ihren Folgen: Seit zwei Jahren gibt es eine Gedenkstätte vor der Schule sowie einen Gedenkraum im Schulgebäude. Dieser wird allerdings nur auf Wunsch der Schüler geöffnet.

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