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Pegida-Demonstration : Was ist los mit Dresden?

Herrliches „Elbflorenz“: Blick auf die Silhouette Dresdens - dort zählen Fakten gelegentlich weniger als Gefühle. Bild: ZB

Dresden will gerne anders sein als der Rest der Welt. Dass die Pegida-Demonstrationen ausgerechnet dort so viel Zuspruch finden, hat besondere Gründe. Eine Spurensuche.

          An diesem Montag wollen die Pegidas vor der Dresdner Semperoper keine Parolen brüllen, sondern deutsche Weihnachtslieder singen. Alle Jahre wieder, Stille Nacht, Oh Du Fröhliche. Singen gegen „die Islamisierung des Abendlandes“. Die Demos der Deutschtümelnden, die gegen Ausländer, Obrigkeit und Presse kämpfen, finden landesweit Beachtung. Dabei sind sie vor allem ein Dresdner Lokalphänomen. Man muss nur genauer hinschauen.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Das machen aber wenige. SPD-Politiker sprechen von „Rassisten und Nationalisten“, „Hetze und Verleumdung“. Justizminister Heiko Maas nannte die Demos eine „Schande für Deutschland“. „Pegida“ ist ein Riesenerfolg. Zuletzt kamen 15.000 Demonstranten. Aber nur in Dresden. Anderswo kümmern die aggressiven Abendländer mit höchstens vierhundert Leutchen vor sich hin. Man muss also bei Pegida nicht fragen: Was ist los mit Deutschland? Sondern höchstens: Was ist los mit Dresden?

          Lutz Bachmann, der Kopf der „Pegida“-Bewegung. Er ist vorbestraft, saß mehrfach in Haft und verbüßt derzeit eine Bewährungsstrafe wegen Drogenhandels.

          Näherte man sich diese Woche der Versammlungswiese am Dresdner Hygiene-Museum, dachte man an eine Versammlung der sächsischen Handwerkerinnungen: Da standen überwiegend Männer mittleren Alters, handfeste Typen, bekleidet mit Outdoor-Jacken und solidem Schuhwerk für alle Baustellen des Lebens. Dazwischen ein paar Alte, allerlei Frauen, wenige Jugendliche. Vor ihren Augen brachte der ehemalige Dresdner Kleinganove, der die Demos organisiert, derweil seine weiße Würstchenbude in Stellung. Aus der verschleudert Lutz Bachmann seit Wochen Plattitüden zur angeblichen Überfremdung seiner Bratwurst-Welt. Der Mann war Serien-Einbrecher und Drogenkurier.

          Keinen Zuhörer scheint das zu stören. Denn Bachmann ist Dresdner. Und zwar gebürtiger. Ein Fleischersohn. Kein Muslim und auch kein zugereister Wessi. Er und seine Ko-Redner rufen Sätze wie: „Wir wollen unsere Identität behalten, unsere Sitten, unsere Bräuche!“ Und wem das nicht gefalle, der sei dann „eben in Deutschland auch falsch“. Falsch in Deutschland sind aber weniger die Einwanderer als ein Teil der Dresdner.

          Sie befinden sich spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg auf einem Sonderweg. Inmitten ruinierter Pracht und trostloser Neubauten bewahrte sich der Glaube, eine der schönsten Städte der Welt zu bewohnen. Das fiel leichter zu DDR-Zeiten, als man Florenz oder Paris nur noch vom Hörensagen kannte. Dresden blieb damals ohne West-Fernsehen eine Musik- und Bücherstadt für alle, die sich nicht von den DDR-Sendern belügen lassen wollten. Wer es dennoch tat, ruft heute gerne „Lügenpresse“, weil er schon lange die Wirklichkeit verachtet. Auch jetzt glauben Dresdner, schöner als ihre Stadt sei nichts. Kölner tun das auch. Aber denen darf man widersprechen.

          Herrlich ist Dresden beispielsweise beim Blick von Elbhängen herab inmitten grüner Flusslandschaft. Dort steht neuerdings eine hässliche Brücke. Die Mehrheit der Dresdner wollte es so. Als ihnen gedroht wurde, wegen dieser Beton-Leiste den Weltkulturerbe-Titel wegzunehmen, erregte man sich über die fernen Kultur-Fremdlinge und lebt seither stolz ohne die Auszeichnung. Ein ziemlich einmaliger Fall. In Köln gab es einen ähnlichen Streit. Aber dort zog man es vor, sich nicht vor aller Welt zu blamieren. Die Dresdner genossen es geradezu.

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