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Österreichische Kanzlerin : Warum in politischen Krisen Frauen so gefragt sind

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Brigitte Bierlein wird voraussichtlich bis im Herbst die österreichische Regierung führen. Bild: dpa

Wie in Österreich erhalten vor allem in politischen Krisensituationen Frauen die Chance, an die Macht zu gelangen. Nachhaltig ist dieser Erfolg aber nicht.

          Brigitte Bierlein ist nicht zu beneiden. Sie wird für einige Monate die Regierungsgeschäfte Österreichs führen, eines Landes, das nach dem FPÖ-Skandal tief erschüttert ist. Nach der nächsten Nationalratswahl, die wahrscheinlich im Herbst stattfindet, wird Bierlein das Amt wieder abgeben müssen. Bierlein, die bisher Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs war, ist die erste weibliche Bundeskanzlerin Österreichs. Dass in unruhigen Zeiten die politische Verantwortung einer Frau übergeben wird, ist nicht selten.

          Wo Frauen sonst an eine gläserne Decke stoßen – also zwar aufsteigen können, aber nicht in die absoluten Spitzenpositionen – scheinen in politischen Krisensituationen andere Gesetze zu gelten. Die Politikwissenschaftlerinnen Farida Jalazai und Mona Lena Krook haben in einer 2010 erschienenen Studie festgestellt, dass seit dem Zweiten Weltkrieg bis 2009 mehr als jede fünfte Frau in einer politischen Spitzenposition als Übergangslösung in Krisen in ihr Amt gelangt sei.

          Angela Merkel, die nach der Spendenaffäre der CDU die Partei übernahm und später Bundeskanzlerin wurde, hat in Deutschland gläserne Decken durchstoßen. Im Jahr 2000, noch neu im Amt der Parteivorsitzenden, besuchte Merkel das Unternehmen IBM in Stuttgart. Dort beklagten sich Managerinnen darüber, dass sie zwar die zweithöchste, aber nicht die eine Spitzenposition bekleiden dürften. Merkel entgegnete damals: „Vielleicht muss die Firma IBM erst einmal in eine richtig große Krise kommen, damit hier auch mal eine Frau übernehmen darf.“ Merkels Satz wirkt heute prophetisch, nach einer Krise wurde 2011 eine Frau Chefin der deutschen Niederlassung.

          Mögliche Gründe für den Aufstieg in unruhigen Zeiten findet man in verschiedenen Studien: Männer würden an den riskanten und anspruchsvollen Aufgaben in einer Krise nicht scheitern wollen. Frauen hingegen würden bei jeder Gelegenheit zugreifen, die sich auf ein Spitzenamt als Regierungschefin oder Staatspräsidentin bietet, da sie sonst davon eher ausgeschlossen würden.

          Ein weiterer Erklärungsansatz: Die Eigenschaften, die Frauen zugeschrieben werden, seien besonders in Krisensituationen gefragt. Brigitte Bierlein wird in einem Porträt von „Zeit Online“ zum Beispiel als zurückhaltend, ruhig und überlegt beschrieben, bei „Spiegel Online“ als pragmatisch, professionell und unbefangen.  

          Eigenschaften, die in Österreich gebraucht würden, findet auch die Politikwissenschaftlerin Gundula Ludwig: „Es ist schon wichtig, dass man in Österreich nach Sebastian Kurz wieder einen anderen Politikstil sichtbar macht. Die letzte Regierung war schon sehr maskulinistisch, nicht nur im Auftreten, sondern auch im Inhalt.“ Jedoch seien die Bierlein zugeschriebenen Eigenschaften nicht unbedingt klassisch weiblich. Die Zuordnung weiblicher Stereotypen würde immer wieder variieren.

          Bemerkenswert findet Ludwig, dass die politische Realität so sehr männlich geprägt sei, dass das Geschlecht meist nur bei Frauen in der Politik thematisiert würde. „Mit Brigitte Bierlein wird eine kompetente Person Bundeskanzlerin. Aber jetzt geht es darum, was es bedeutet, dass eine Frau Bundeskanzlerin wird“, sagt Ludwig.

          Auch als Theresa May in Großbritannien Regierungschefin wurde, war ihr Geschlecht Thema. Zwar war sie nach Margaret Thatcher schon die zweite Regierungschefin, leicht hatte sie es aber schon alleine aufgrund der Umstände nicht. Nach dem Brexit-Referendum trat David Cameron zurück, das Land war gespalten – und eine Frau wurde Regierungschefin. May konnte sich etwa zwei Jahre im Amt halten, dann scheiterte sie an der der schier ausweglosen Brexit-Frage und ihrer Partei.

          Auch das gehört zum klassischen Muster, wie es Jalazai und Krook beschreiben. Die Ämter, die Frauen in Krisensituationen übernehmen, sind echte Schleudersitze. Auch Gundula Ludwig bestätigt diese Kurzlebigkeit: „Wenn die erste Krise gelöst ist, kommt meist ein männlicher Nachfolger. Die Regierungszeit der Frauen führt also zu keiner nachhaltigen Veränderung der Geschlechterverhältnisse.“ Lässt man Monarchinnen beiseite, haben aktuell 22 Länder ein weibliches Staatsoberhaupt oder eine weibliche Regierungschefin. Nur sieben davon haben eine Amtszeit die vier Jahre oder länger andauert.

          Volkskammer-Präsidentin Sabine Bergmann-Kohl und Bundeskanzler Helmut Kohl bei einem Treffen im August 1990

          Wie schnell solche Frauen aus der Politik und der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden können, zeigt ein deutsches Beispiel: Sabine Bergmann-Pohl war das erste weibliche deutsche Staatsoberhaupt. Nach der ersten freien Wahl der Volkskammer wurde sie deren Präsidentin – und mit der Abschaffung des Staatsrates damit das letzte Staatsoberhaupt der DDR. Bergmann-Pohl moderierte die Übergangsphase bis zur Wiedervereinigung und schaffte ihr Spitzenamt nach wenigen Monaten selbst ab.

          Im Kabinett Kohl war Bergmann-Pohl zunächst Ministerin ohne Geschäftsbereich, dann Staatssekretärin. 2002 schied sie als einfache Abgeordnete aus dem Bundestag aus. Im Interview mit der „taz“ sagte sie vor einigen Jahren: „Rein formal ging es mit mir immer weiter bergab.“

          Eine Ämterlaufbahn, die so auch ein Mann gegangen wäre? Gundula Ludwig relativiert die These von Jalazai und Krook etwas. Eine Kausalität zwischen politischen Krisensituationen und Frauen in Regierungsämtern wolle sie nicht ausmachen. Es habe auch viele Männer gegeben, die in Krisensituationen eingesprungen seien: „Wenn man so will, kann man auch Sebastian Kurz als den Retter der ÖVP bezeichnen.“

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