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Über die Weihnachtsgeschichte : Alle Jahre wieder

Mehr als bloß Kulisse: Krippe im badenwürttembergischen Oberstadion Bild: dpa

Wenn es einen Gegenentwurf gibt gegen Wut und Hass, dann ist es die Weihnachtserzählung. Warum sie mehr als bloße Staffage ist. Ein Kommentar.

          Vor einigen Monaten kehrte im Zürcher Großmünster eine alte, längst überwunden geglaubte Zeit zurück. Die Wirkungsstätte Huldrych Zwinglis verwandelte sich in jenen bildmächtigen Raum zurück, dem der Deutschschweizer Reformator vor fünfhundert Jahren den Garaus gemacht hatte. Doch die farbenfrohen Heiligenfiguren, die Seitenaltäre, an denen Priester einst Messopfer um Messopfer darbrachten, und die weihrauchgeschwängerte Luft waren nur Kulisse. Für den Glauben, so lautet die radikale, in den Kirchen der zweiten Reformation bis heute verbindliche Botschaft, taugen Verdinglichungen und Versinnbildlichungen allenfalls als Staffage. Sie lenken vom Eigentlichen ab, der Gegenwart Gottes in seinem Wort.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Mit den Geschichten von der Geburt Jesu, die alle Jahre wieder gelesen, gespielt und besungen werden, verhält es sich strenggenommen nicht viel anders. Auch sie sind Staffage. In den ältesten Überlieferungsschichten, in denen von einem Juden erzählt wird, der von der römischen Besatzungsmacht hingerichtet wurde, aber über den Tod hinaus eine wunderbare Anziehungskraft entfaltete, findet sich keine Spur, die zu jenem sentimentalen Rührstück namens „Weihnacht“ führte, das auf der nördlichen Halbkugel der Erde gar nicht zufällig in die Wintersonnenwende fällt.

          Für den Verfasser des Markus-Evangeliums begann das Wirken Jesu mit der Taufe im Jordan. Geburt, Kindheit und Jugend – mit Brüdern und Schwestern (!) –, all das war nicht einmal schmückendes Beiwerk. Um rückblickend zu erzählen, dass Gott diesen Menschen nicht im Tod gelassen, sondern sich schon in dessen Leben in unüberbietbarer Weise zu erkennen gegeben hatte, brauchte es weder Hirten im Feld noch himmlische Heerscharen.

          Dem Mann, der vom Saulus zum Paulus geworden war, erging es nicht anders. Was er zu verkündigen habe, sei den Griechen eine Torheit und den Juden ein Ärgernis: die Erhöhung des Erniedrigten. Das Zeichen des Kreuzes, nicht das Absingen von Weihnachtsliedern und nicht das Starren auf eine Krippe, sondern die Feier des Herrenmahles ließen ethnische Schranken, ja selbst Geschlechterordnungen in den Hintergrund treten und eine neue, als durch Christus gestiftet erfahrene Gemeinschaft entstehen.

          In zwei der vier Schriften jedoch, die nach und nach als „Evangelium“ und damit als den Glauben authentisch überliefernd anerkannt wurden, setzte die Jesus-Geschichte mit jenen legendenhaften Berichten von der Schwangerschaft Mariens, der Geburt Jesu, der Flucht nach Ägypten und Kindheitserzählungen ein, die noch heute die Phantasie anregen wie kein anderer Stoff zuvor oder danach. Die als Matthäus und Lukas bekannten Verfasser kreierten ein motivisch komplexes Amalgam aus emotionalisierenden Szenen, religiösen Rückbezügen und politischen Botschaften, das dazu anleiten sollte, die Geschichte der göttlichen Erfüllung des Lebens Jesu schon von dessen Anfang her lesen zu können.

          Die Erzähltechnik folgte einer doppelten Logik. Matthäus arrangierte das Geschehen rund um die Geburt Jesu so, dass seine im Judentum verwurzelten Adressaten den Mann am Kreuz als in der Tradition des Moses stehend erkennen sollten. Lukas schrieb für eine Leserschaft, die religionskulturell mit hellenistischen Denkformen vertraut war. Die Botschaft war dieselbe, musste aber, um verstanden zu werden, in verschiedene Verständnishorizonte ausgelegt und in unterschiedlichen Semantiken formuliert werden. Das vordergründig Legendenhafte diente dabei als Medium der Plausibilisierung der an ein Paradox grenzenden „guten Nachricht“ (Evangelium), dass Gott Mensch geworden sei.

          Ort der anbrechenden Gottesherrschaft

          Diese Botschaft mag damals nicht viel glaubhafter gewesen sein, als sie es heute ist. Dennoch sollte es zu denken geben, dass sie seit fast zweitausend Jahren immer neue Formen der Anverwandlung hervorgebracht hat und -bringt. Man mag die Bedürfnisse, die in der Ausschmückung der Weihnachtsgeschichte als Ganzes oder auch einzelner Elemente am Werk sind, religions- oder tiefenpsychologisch erklären wollen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Die Weihnachtsgeschichte ist wohl wie keine andere Erzählung eine Projektionsfläche menschlicher Sehnsucht.

          Wie das deutsche, kaum in andere Sprachen übersetzbare Wort „Stimmung“ Innen und Außen verbindet, so kommen in der Weihnacht persönliche Gestimmtheit und die theologische Botschaft zusammen. Die Dynamik der Projektion menschlicher Sehnsucht nach Frieden und Heil verweist im Moment ihrer göttlichen Erfüllung zurück in die von Dunkelheit und Kälte, von Heimatlosigkeit und Flucht gezeichnete Welt. Sie und nur sie ist der Ort der anbrechenden Gottesherrschaft. Wer vor diesem Immanuel („Gott mit uns“) auf die Knie geht, der möchte seine Furcht in Zuversicht und seine Angst in Hoffnung verwandeln lassen, für sich und die Welt.

          Wenn es einen Gegenentwurf gibt gegen eine Welt, in der Wut und Hass obsiegen wollen, in der Wehrlosigkeit als Schwäche und Gewalt als Stärke gilt, dann ist es die Weihnachtserzählung. Deswegen ist sie mehr als Staffage, die Krippe mehr als Kulisse. Es ist an der Zeit, alle Jahre wieder.

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