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Türken in Deutschland : Farben der Freiheit

Halbmond und Stern auf rotem Grund – zurzeit eine Flagge der Unfreiheit Bild: dpa

Doppelte Staatsangehörigkeit? Heute ernten wir die Früchte dieser Politik, der jedes Gefühl für Staat und Nation, für Sinn und Form völlig abgeht.

          Es ist kein Nachtreten, wenn man weiterhin nüchtern feststellt: Unkontrollierte Masseneinwanderung aus anderen Kulturkreisen, von Kriegsopfern und Traumatisierten stellt unser Land vor eine immense Herausforderung. Deutschland kann nur ein sozialer Rechtsstaat bleiben, der Verfolgten Schutz gewährt, solange es die Kontrolle über sein Gebiet wirksam ausübt und hier das Recht durchsetzt. Genauso klar ist, dass man zwar mehreren Staaten rechtlich verbunden sein kann – aber sich im Konfliktfall entscheiden muss.

          So wie die Politik der offenen Grenzen von Wunschdenken geprägt war, so war die breite Einführung der doppelten Staatsangehörigkeit mit der Erwartung verbunden, die Integration insbesondere von Türken würde dadurch gefördert – eine Illusion. Dabei hat es schon vor gut 15 Jahren nicht an warnenden Stimmen gefehlt: Wenn aus einem Ausländer ein Deutscher wird, so sollte das ein krönender, formaler wie emotionaler Schlussstein einer Einwanderungsgeschichte sein. Doch eine ziemlich große Koalition ist bis jetzt der Ansicht, die großzügige, ja blinde Verleihung der deutschen Staatsangehörigkeit auch an Flüchtlinge sei der Ausgangspunkt einer großartigen Integration.

          Heute ernten wir die Früchte dieser Politik, der jedes Gefühl für Staat und Nation, für Sinn und Form völlig abgeht. Schon damals wusste man, dass viele Staaten ihre Bürger jedenfalls faktisch nicht aus ihrer Zugehörigkeit zum Heimatland entlassen wollen. Dazu gehört die Türkei, deren innere Konflikte nun auf deutschen Straßen ausgetragen werden.

          Keine Frage: Niemand muss seine Herkunft und Traditionen aufgeben. Jeder kann hierzulande ausländische Medien konsumieren und, zum Beispiel, für den türkischen Präsidenten Erdogan auf die Straße gehen. Aber hier ist nicht die Türkei. Wer hier lebt, mag er auch dem türkischen Staat rechtlich und faktisch verbunden sein, ist keine fünfte Kolonne Ankaras.

          Jeder, der jetzt am Wochenende demonstriert, genießt die Meinungs- und Versammlungsfreiheit des Grundgesetzes. Als Staatsbürger sollte er sich diesem Land loyal zeigen – und weniger einem Herrscher, der genau diese Werte mit Füßen tritt. Warum eigentlich schwenken Deutsch-Türken bei solchen Anlässen oft nur die Fahne mit Halbmond und Stern und nicht auch Schwarz-Rot-Gold? Ja, warum? Vielleicht, weil die Deutschen selbst nicht zu diesen Farben der Freiheit stehen.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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