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Dorf ohne Corona-Fall : „Die Kleinheit ist wichtig“

Waldreich: Die Gegend im Hunsrück, hier der Nationalpark Hunsrück-Hochwald Bild: dpa

Unter den Einwohnern von Lieg gab es bisher keinen Corona-Fall. Im Interview erzählt Ortsbürgermeister Heinz Zilles vom Leben in der Dorfgemeinschaft – und warum es in einer solchen viel schöner als in der Stadt sein kann.

          2 Min.

          Herr Zilles, allerorten steigen die Infektionszahlen, in Lieg, einem Dorf im Hunsrück aber, dem Sie als Ortsbürgermeister vorstehen, liegt die Inzidenz bei null, es gab immer noch keinen einzigen Corona-Fall unter den 400 Einwohnern. Was kann das Land von Ihnen lernen?

          Julian Staib
          (jib.), Politik

          Disziplin, regelkonform zu leben und gegenseitige Achtung. Vor allem das soziale Miteinander muss stimmen. Bei uns halten alle Abstand, und jeder passt auf den anderen auf. Das ist natürlich in einer Ortsgemeinde leichter als in der Großstadt, die Kleinheit ist wichtig. Mit großer Geduld ertragen hier Alt und Jung die Maßnahmen. Obwohl wir unseren gesellschaftlichen Mittelpunkt, die Hunsrückhalle, sowie das Dorfgemeinschaftshaus und den Jugendraum schließen mussten. Das waren große Einschnitte für die Dorfgemeinschaft, denn wir sind ein sehr geselliges und aktives Völkchen.

          Die soziale Kontrolle dürfte auch eine Rolle spielen, oder?

          Die ist sehr wichtig. Da wird schon geguckt, mit gesunder Neugier: Was macht der andere, wer ist zu Besuch, oder wen habe ich hier noch nie gesehen? Wir leben hier nicht anonym, hier kennt jeder noch fast jeden. Hier wird aber auch niemand vergessen. Die Jugendlichen haben einen Einkaufsservice während der Pandemie für die Älteren organisiert.

          Heinz Zilles, Bürgermeister der Ortsgemeinde Lieg
          Heinz Zilles, Bürgermeister der Ortsgemeinde Lieg : Bild: Privat

          Ihr Dorf liegt mitten im Hunsrück, der ist nicht gerade der Nabel der Welt. Könnte der Erfolg auch damit etwas zu tun haben, dass kaum Austausch da ist?

          Wir sind natürlich nicht so hoch frequentiert wie irgendein Touristenmagnet. An Sehenswürdigkeiten haben wir nicht viel zu bieten. Dafür eine sehr waldreiche und schöne Gegend.

          Im Kreis Cochem-Zell, in dem Ihr Ort liegt, nähert sich die Inzidenz der 100, dann käme auch bei Ihnen eine nächtliche Ausgangssperre. Würden die Leute im Ort da mitmachen?

          Das wäre ein großer Einschnitt, da gäbe es selbst bei uns ein wenig Murren. Aber ich bin mir sicher, dass sich selbst dann alle an die Vorschriften hielten. Hier gab es keine nächtlichen Treffen, keine wilden Partys.

          Gibt es bei Ihnen überhaupt eine Schule?

          Wir haben eine kleine Dorfschule mit 14 Kindern und großzügigen Klassenräumen, in denen sich die Gruppen getrennt voneinander unterrichten lassen. Eltern und Vereine haben zwei Raumluftfilter gespendet, daran sieht man, wie groß hier das Engagement ist. Dazu gibt es einen Kindergarten, der ist proppenvoll, wir müssen anbauen. Gerade junge Eltern kamen zuletzt trotz Studiums und weit entfernter Arbeitsstelle zurück, um ihre Kinder behütet aufwachsen zu sehen. Wir haben schnelles Internet und ein super Mobilfunknetz, die Leute können Homeoffice machen. Das Landleben hat durch die Pandemie an Attraktivität gewonnen und goldenen Boden bekommen.

          Bald können Sie sich gar nicht mehr retten vor Zuziehenden.

          Ich hoffe es! Wir haben noch sehr günstige Bauplätze. Hoffentlich begreifen die Leute, dass es nicht immer die Stadt sein muss. Hier lebt es sich doch vielfach besser.

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