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Wahl in Tunesien : Warten für ein freies Land

Alle wollen wählen: Vor einem Wahllokal in einer Schule in Tunis

Alle wollen wählen: Vor einem Wahllokal in einer Schule in Tunis Bild: dpa

Geduldig warten die Tunesier in langen Schlangen darauf, zum ersten Mal in der Geschichte ihres Landes frei zu wählen. Viele wollen für die gemäßigten Islamisten stimmen - und alle sind stolz auf ihre Revolution, mit der die Arabellion ihren Anfang nahm.

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          Seit Monaten sind die Tunesier von ihrer Übergangsregierung, ihrer Wahlinstanz, ihren Zeitungen auf ihr „Rendez-vous mit der Geschichte“ eingeschworen worden: die ersten demokratischen Wahlen in der Geschichte des Landes. Als es dann am Sonntag soweit ist, als die Schulen zu Wahllokalen umfunktioniert, die Tausenden Wahlhelfer und -beobachter vor Ort sind, heißt es für die meisten erst einmal: warten.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Aber Hassen Ben Salah aus El Manar – einem Viertel der Hauptstadt Tunis, in dem die obere Mittelschicht zu Hause ist – ist nicht der einzige, der an diesem Tag sagt: „Ich habe mein ganzes Leben darauf gewartet zu wählen.“ Was machten da schon ein paar Stunden in der Mittagssonne an diesem herrlichen, diesem „Frühlingstag“ aus, sagt der 54 Jahre alte Arzt am vorderen Ende der langen Schlange vor seinem Wahllokal. An diesem Tag, an dem der Aufruhr in den arabischen Ländern, der in Tunesien begann, dortselbst zu ersten freien Wahlen führt, zu einer verfassunggebenden Versammlung.

          „Wir sind alle Tunesier“

          Ben Salah sagt in Anspielung auf die Umfragefavoriten, die gemäßigten Islamisten von Ennahda, er hoffe, dass keine Partei die Revolution „kapern“ werde, überhaupt wolle er ein laizistisches Tunesien. Aber das sei wichtigste doch, dass sich heute endlich alle Tunesier wie freie, vollwertige Bürger fühlen könnten. Die Männer und Frauen vor und hinter ihm nicken zustimmend, lächelnd. Sie sprechen vom Stolz auf ihre Revolution, von der Hoffnung, dass es nun endlich aufwärts gehen werde, und von dem, was sie über politische Grenzen hin verbinde: „Wir sind alle Tunesier.“

          Es ist auch ein Tag des Triumphes für das Paar, das einige Meter weiter von Kameras und Mikrofonen umlagert wird: den Chef der Kommunistischen Arbeiterpartei Tunesiens Hamma Hammami, die gemeinsam mit Ennahda früh eine verfassunggebende Versammlung forderte, und seine Frau Radhia Nasraoui, eine Anwältin. Er verbrachte zehn Jahre in den Gefängnissen des Diktators, sie verteidigte etliche der unter Ben Ali verhafteten und gefolterten jungen Islamisten.

          Kinder tragen die Landesfahne um die Schultern

          Jetzt kandidiert sie für die „Revolutionäre Alternative“ im Wahlkreis Tunis II, er unterstützt sie. Sie sagt: „Unser Kampf war nicht umsonst.“ Er sagt: „Das ist der Beginn eines neuen Tunesiens.“ Dann gehen sie durch die hellblaue Tür, ins Wahllokal. Die Kinder, die hinter ihnen über den Schulhof laufen, tragen die rot-weiße Landesfahne mit Halbmond und Stern um die Schultern.

          Ein anderes Tunesien wählt einige Kilometer weiter westlich, in einem armen Viertel von Tunis, wo in manchen Gassen an diesem Tag mehr Schafe als Menschen umherlaufen. In der Grundschule von El Kabaria stehen die Geschlechter getrennt an. Auch schon einige Stunden, wie die Gruppe Frauen, die allesamt Schleier tragen und sich trotz der Hitze eng aneinanderpressen. Sie sei heute schon glücklich aufgewacht, sagt eine Hausfrau mit breitem Grinsen. Heute sei ein großer Tag für Tunesien, sagt eine Studentin und lächelt schüchtern. Sie hat keinen Zweifel daran, wer im Wahlkreis von Tunis I die meisten Sitze gewinnen werde: „Ganz sicher Ennahda.“

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