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Wahlsiegerin Tsai Ing-wen : „Taiwans Merkel“

  • -Aktualisiert am

Die 59 Jahre alte Juristin hat viel Erfahrung im Umgang mit Peking. Bild: AFP

Die neue Präsidentin Tsai Ing-wen wird von vielen schon „Taiwans Merkel“ genannt. Was die Wahlsiegerin an der Bundeskanzlerin bewundert und warum ihr die nationale Unabhängigkeit ein Herzensanliegen ist.

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          Als Tsai Ing-wen nach ihrer Wahl vor die Presse trat, versagte fast ihre Stimme. Unzählige Wahlkampfauftritte und Reden hatten sie strapaziert. Doch Tsais unermüdlicher Einsatz wurde belohnt: Im zweiten Anlauf hat sie es in das höchste Amt Taiwans geschafft. Nachdem Tsai Ing-wen im Jahr 2012 noch mit ihrer Präsidentschaftskandidatur gescheitert war, haben Taiwans Wähler die 59 Jahre alte Juristin mit großer Mehrheit zur ihrer Präsidentin gewählt.

          Tsai wird von vielen schon „Taiwans Merkel“ tituliert. Die deutsche Kanzlerin bewundert sie wegen ihres Pragmatismus und ihrer ruhigen Art. Tsai gilt eher als zurückhaltend und professoral. Aber sie ist auch streitbar. An die Adresse der Pekinger Führung schickte sie einige unverblümte Appelle: Das demokratische System und die nationale Identität Taiwans müssten respektiert werden, forderte sie von Peking.

          Taiwans Identität ist ihr ein Herzensanliegen

          Taiwans Identität gegenüber der Volksrepublik zu wahren, ist ein Anliegen, das Tsai Ing-wen in ihrer gesamten politischen Karriere verfolgt hat. Das mag sich auch aus ihrem familiären Hintergrund erklären. Ihr Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann, gehört der Volksgruppe der Hakka an, ihre Mutter stammt aus Taiwan. Sie gehört somit nicht zu den Taiwanern, die festlandchinesische Wurzeln haben oder nach dem chinesischen Bürgerkrieg vor den Kommunisten nach Taiwan geflohen sind.

          Im Jahr 1993 berief der damalige Präsident Lee Teng-hui die promovierte Juristin von der Hochschule als Beraterin. Sie war an der Ausarbeitung von Lees „Zwei-Staaten-Theorie“ beteiligt, mit der er als erster Präsident Taiwans den Anspruch Pekings auf eine Herrschaft über Taiwan zurückwies. Als im Jahr 2000 der nach einer Unabhängigkeit Taiwans strebende Chen Shui-bian Präsident wurde, ernannte er Tsai zu seiner Ministerin für Festlandangelegenheiten. Sie war damit für die Beziehungen zu Peking verantwortlich, die unter Chen extrem gespannt waren.

          Im Jahr 2004 trat die bislang parteilose Tsai der Demokratischen Fortschrittspartei DPP von Präsident Chen bei und wurde stellvertretende Ministerpräsidentin. Nachdem die DPP im Jahr 2008 abgewählt und von einem Korruptionsskandal um den Präsidenten Chen erschüttert wurde, schaffte sie es als neue Parteivorsitzende, die DPP zu reorganisieren und Wählervertrauen zurückzugewinnen.

          Tsai Ing-wen hat nach einem Jura-Studium in Taiwan auch in den Vereinigten Staaten studiert und wurde in London promoviert. Sie ist spezialisiert auf internationales Handelsrecht und war an den Verhandlungen über Taiwans Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO beteiligt. Die Opposition hatte ihr im Wahlkampf vorgeworfen, dass sie noch keine Erfahrung in der lokalen Politik gesammelt habe. Doch auch ihre politischen Gegner müssen eingestehen, dass Tsai eine erfahrene Verhandlungsführerin ist. Dass sie in ihren früheren Ämtern auch schon Erfahrung über Jahre im schwierigen Umgang mit der Pekinger Führung gesammelt hat, kann ihr noch zu Gute kommen.

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