https://www.faz.net/-gpf-884fn

Wahlsieger Tsipras : Der Wandelbare

Triumphgeste: Wahlsieger Alexis Tsipras am Sonntagabend vor der Parteizentrale von Syriza in Athen. Bild: AFP

Er hat alles auf eine Karte gesetzt, die Spaltung seiner Partei Syriza in Kauf genommen – und wurde belohnt. Aus dem naiven Linksrevolutionär Alexis Tsipras ist bei seinem zweiten Wahlsieg in Griechenland ein Pragmatiker geworden. Eine Würdigung.

          2 Min.

          Es gab Tage in den vergangenen Monaten, da wollte sein strahlendes Lächeln einfach nicht zu der Lage passen, in die Alexis Tsipras sein Land manövriert hatte. Es gab sogar Tage, an denen selbst ihm das Strahlen vergangen war. Das war im Juli, als er allen Grund hatte, sich Sorgen zu machen. Sein Land stand kurz vor dem Ausscheiden aus der Eurozone, die Banken waren geschlossen, Teile seiner Partei revoltierten.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          In der Nacht zum Montag, als Alexis Tsipras seinen dritten Wahlerfolg in neun Monaten feierte, passte das Siegerlächeln des bisherigen und künftigen griechischen Ministerpräsidenten wieder, zumindest für diesen Abend.

          Fast alle Wahlversprechen gebrochen, einen Teil der eigenen Partei verloren, Parlamentswahlen unter den Bedingungen von Kapitalverkehrskontrollen abgehalten – und dann klar gewonnen, mit weniger als einem Prozentpunkt Verlust im Vergleich zu den Wahlen im Januar.

          Unter solchen Bedingungen die Position der eigenen Partei als stärkste Kraft zu verteidigen, ist eine politische Leistung, die auch seinen Gegnern Respekt abnötigt. Tsipras kann Mehrheiten organisieren.

          Diese Wahl hat freilich ein anderer Alexis Tsipras gewonnen als jene vor neun Monaten. Der Tsipras vom Januar 2015 war unerfahren und europapolitisch naiv.

          Der Tsipras vom September 2015 hat nach einem europapolitischen Crashkurs (das Wort ist durchaus wörtlich zu nehmen) viel darüber gelernt, wie die EU und die Eurozone funktionieren – und wie nicht.

          Die Griechen haben den Lernprozess ihres Ministerpräsidenten teuer bezahlen müssen. Doch wenn die Rede nach seinem zweiten Sieg bei einer Parlamentswahl ein Maßstab ist, hat Tsipras wirklich dazugelernt.

          Eine vergleichende Textanalyse seiner Siegesrede im Januar mit der Ansprache, die Tsipras in der Nacht zum Montag hielt, wäre nicht nur für Sprachwissenschaftler interessant. Im Januar hatte Tsipras noch so getan, als könne er die gesamte Eurozone in die Knie zwingen.

          Davon war bei seiner jüngsten Rede nichts mehr zu hören. Gewiss, einige linkspopulistische Girlanden flocht Tsipras in seine Rede ein, doch das war kein Vergleich mit früheren Reden.

          Manche Passagen klangen so, als habe der Redenschreiber Angela Merkels Tsipras die Rede geschrieben, nach zwei Gläsern Ouzo vielleicht. Es war eine von etwas mediterranem Brokat durchwirkte Wir-schaffen-das-Rede mit einer Prise Churchill: „Dieser Sieg gehört dem Volk und jenen, die von eine besseren Zukunft träumen, was wir durch harte Arbeit erreichen werden“, sagte Tsipras, oder: „Uns stehen Schwierigkeiten bevor, aber auch fester Untergrund. Der Aufschwung wird nicht durch Zauberei kommen, sondern durch harte Arbeit, Zähigkeit und Kampf.“

          Ob Alexis Tsipras, geboren am 28. Juli 1974 in Athen, tatsächlich eine neue Ära begründen wird, wie die Zeitung „Ta Nea“ am Montag titelte, ist noch lange nicht sicher. Aber es ist ihm gelungen, die Griechen davon zu überzeugen, dass er eine zweite Chance verdient habe.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.