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Wahlprognosen : Die unterschätzte AfD

Demo der AfD in Halle an der Saale (Sachsen-Anhalt) im Oktober 2015 Bild: dpa

In allen drei Bundesländern hat die AfD stärker zugelegt, als es die Umfrageinstitute vorausgesehen haben. Aber auch andere Parteien wurden teils deutlich über- oder unterschätzt.

          Wenn neue Parteien die politische Bühne betreten, haben es Wahlforscher besonders schwer. Ihre lange gesammelten Erfahrungswerte nützen dann wenig, die veröffentlichten Meinungstrends sind mit großer Unsicherheit behaftet. Und so hat auch die AfD den Forschern ihre Arbeit schwer gemacht: In allen drei Landtagswahlen hat die Partei besser abgeschnitten als vorausgesagt. Vor allem gilt das für Sachsen-Anhalt, wo zwischen Vorhersagen und vorläufigem amtlichem Endergebnis bis zu 6,3 Prozentpunkte liegen.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Kurz vor den Wahlen wurden beinahe täglich neue Umfragen veröffentlicht. Ihre Grundlage sind telefonische Befragungen zufällig ausgewählter Bürger. Allerdings werden die gewonnenen Rohdaten erst noch nach verschiedenen Verfahren gewichtet, so dass die Gruppe der Befragten mit der Gesamtgruppe der Bundesbürger etwa bei Bildung, Alter und Geschlecht übereinstimmt. Außerdem versuchen die Meinungsforscher, die Umfragedaten mit Erfahrungswerten aus vorangegangenen Wahlen zu präzisieren. Jedes Haus hat dafür eigene Rezepte. Wie gut sie funktioniert haben, zeigt sich am Wahltag. Dann lässt sich die Treffgenauigkeit der Voraussagen bestimmen, indem man die Abweichungen für jede einzelne Partei ermittelt und ihre Beträge addiert.

          Alle Institute lagen deutlich daneben

          Für Baden-Württemberg sagten alle Institute korrekt voraus, dass die Grünen die CDU überholen würden. Die FDP sahen alle Institute über der Fünfprozenthürde und im Landtag; dass sie aber auf 8,3 Prozent zulegen würde, sahen die Forscher nicht kommen. Tatsächlich wurde die FDP in allen Umfragen der letzten zehn Tage vor der Wahl unterschätzt.

          Die größte Überraschung lieferte aber die AfD. Dass sie sogar die SPD abhängen würde, sagte keines der Umfrageinstitute voraus. In der Gesamtheit lieferte Infratest dimap die präziseste Vorhersage, und zwar schon zehn Tage vor der Wahl. Das zeigt, dass spätere Umfragen nicht automatisch zu besseren Ergebnissen führen, obwohl immer wieder viele Befragte angeben, noch unentschieden zu sein.

          In Rheinland-Pfalz war es genau umgekehrt: Hier wurden die Prognosen immer präziser, je näher der Wahltag rückte. Die beste Vorhersage gelang der Forschungsgruppe Wahlen nur drei Tage vor dem Wahlsonntag. Auch in Rheinland-Pfalz wurde die AfD von allen Instituten unterschätzt – wie übrigens auch die SPD. Dass die sich klar gegen die CDU durchsetzen würde, hatte niemand vorausgesagt. Allein die Forschungsgruppe Wahlen sah die Sozialdemokraten mit einem leichten Vorsprung.

          Sachsen-Anhalt bereitete allen Instituten die größten Schwierigkeiten – vor allem wegen des großen Erfolges der AfD. Alle Institute lagen deutlich daneben; die summierten Abweichungen betragen zwischen 16,2 und 17,1 Prozentpunkten. Infratest dimap und Insa hatten der AfD 19 Prozent vorhergesagt, Forsa und die Forschungsgruppe Wahlen 18 Prozent. Tatsächlich bejubelten die Rechtspopulisten am Sonntag ein Ergebnis von 24,2 Prozent.

          Problemfall neue Bundesländer

          Die SPD wurde dagegen klar überschätzt, ihren zweistelligen Abstieg erfassten die Meinungsforscher nicht in vollem Umfang. Noch vier Tage vor der Wahl sah etwa Forsa die Sozialdemokraten bei 17 Prozent – sie erreichten am Ende lediglich 10,6 Prozent. Die Linkspartei vermuteten alle Institute bei über zwanzig Prozent. Am Wahlabend reichte es gerade einmal für 16,2 Prozent.

          Die neuen Bundesländer machen es den Meinungsforschern besonders schwer. Das war schon bei früheren Wahlen so. Die Parteienbindung der Wähler ist dort weniger stark ausgeprägt, das Lager der Nichtwähler größer. Die Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt stieg zwar deutlich, von 51,2 auf 61,1 Prozent, lag aber noch weit hinter Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg (beide 70,4 Prozent). Doch unterschätzt wurde die AfD in auch in den alten Bundesländern.

          Das könnte daran gelegen haben, dass die Befragten ihre Sympathien für die AfD verborgen haben. Man kennt solche Effekte von anderen rechtspopulistischen Parteien. Denkbar ist auch, dass die hohen Umfragewerte die AfD für viele erst „wählbar“ gemacht haben: Wenn so viele Menschen diese Partei wählen, mögen sie sich gedacht haben, dann kann ich mit meiner Entscheidung nicht so falsch liegen. Aber das ist Spekulation. Solche Umfrageeffekte lassen sich kaum sauber belegen.

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