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Wahlkreis 15 : Die Hand am Steinbutt

Bild: F.A.Z.

Angela Merkels Wahlkreis liegt im hohen Norden. Sie hat ihn immer gewonnen, auch wenn es den einen oder anderen Absturz gab.

          3 Min.

          In keiner Biographie über Angela Merkel fehlt das Foto, das am 2. November 1990 in einer Fischerhütte in Lobbe auf Rügen aufgenommen wurde. Damals war Wahlkampf wie jetzt auch. Einen Monat später wurde der erste gesamtdeutsche Bundestag gewählt. Angela Merkel, bis zum Ende der DDR stellvertretende Regierungssprecherin, kandidierte im nordöstlichsten Wahlkreis. Sie lebt dort nicht, sie kommt auch nicht von dort. Sie strebte ein Bundestagsmandat an und hatte deshalb einen Wahlkreis gesucht. Aufgewachsen ist sie im uckermärkischen Templin. Das Verhältnis zum damaligen märkischen CDU-Vorsitzenden Peter-Michael Diestel war allerdings nicht so gut, als dass sie bei ihrer Wahlkreissuche auf seine Unterstützung hätte bauen können.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Mit 14 Stimmen Vorsprung

          Günther Krause aber, der damalige CDU-Landesvorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern, wollte helfen. Die Entscheidung, wer als CDU-Direktkandidat im damaligen Wahlkreis 256 (heute hat der Wahlkreis Stralsund-Nordvorpommern-Rügen die Nummer 15) antreten sollte, fiel in Prora auf der Insel Rügen, in einer Kaserne der DDR-Armee. Frau Merkel kandidierte und zwei Leute aus den alten Bundesländern. Es kam zur Stichwahl, irgendwann gegen Mitternacht, als viele schon gegangenen waren. Frau Merkel siegte mit vierzehn Stimmen Vorsprung.

          Frühstück bei den Fischern

          An jenem Wahlkampf-Novembertag einige Wochen später nun luden die Fischer sie zum Frühstück ein. Dazu gehörten auch ein paar Schnäpse. „Ich habe damals zum ersten Mal einen Steinbutt angefaßt. Die Ablagerungen auf seiner Haut fühlen sich tatsächlich wie Stein an“, erinnert sich die Kanzlerin im Gespräch über ihren Wahlkreis. Die Fischer glaubten, für sie werde alles so bleiben, wie es schon immer gewesen war. Angela Merkel aber wusste, dass sich alles ändern würde - vor allem sie sich selbst. Sie war damals 36 Jahre alt. Die Fischer sind längst in Arbeitslosigkeit und Rente entlassen. Einer starb, ein anderer fährt noch auf seinem Boot. Angela Merkel ist Kanzlerin.

          Die CDU in Vorpommern

          In Vorpommern ist die CDU traditionell stärkste Partei. Das hat etwas mit den vielen Flüchtlingen und Vertriebenen zu tun, die 1945 gleich hinter der Grenze geblieben waren und eine starke religiöse Bindung mitbrachten. Aber auch damit, dass die CDU unter den Bauern viele Mitglieder hat und auf dem Land noch fest im gesellschaftlichen Leben verankert ist. „Ich habe mich immer um die Brennpunkte gekümmert, sei es die Werft in Stralsund, die alten Militäreinrichtungen dort, die erfolgreiche Bewerbung Stralsunds als Weltkulturerbe, die Autobahn A 20 oder auch das Amtsgericht Grimmen, über das es eine Zeit lang mal Streit gab.“

          Frau Merkels zweite Heimat

          „Ich vertrete eine Region im Deutschen Bundestag, die an landschaftlichen Reizen kaum mehr zu überbieten ist, wie ich nicht ganz ohne Stolz behaupten möchte.“ Frau Merkel spricht auch von Heimat, wenn sie in ihrem Wahlkreis 15 ist. Überhaupt wenn sie nach Mecklenburg-Vorpommern kommt. Von 1993 bis 2000 war sie hier CDU-Landesvorsitzende. Ihr Einfluss ist noch immer groß. Auch der Landesvorsitzende und Landesminister, Jürgen Seidel, im Bundestagswahljahr 2005 als Nachfolger des glücklosen Eckardt Rehberg gewählt, ist der Mann, den sie in dieser Funktion haben wollte. Rehberg kandidiert nun auch für den Bundestag.

          Absturz 1998

          Zu konstanten Hochburgergebnissen mit Sympathiezuschlag für Führungspersonal hat das in ihrem Wahlkreis nicht geführt. Seit 1990 erreichte Frau Merkel bei Bundestagswahlen zwar fast immer mehr als vierzig Prozent der Erststimmen - 1990 waren es sogar 48,5 Prozent; doch der Absturz kam 1998, als Helmut Kohl abgewählt wurde und sie nur noch auf 37,3 Prozent kam. Damals war sie Bundesumweltministerin, wenig später CDU-Generalsekretärin. Im September 2005, als CDU-Vorsitzende und Kanzlerkandidatin, blieb es bei 41,3 Prozent.

          Es geht voran

          Ein für sie glücklicher Zufall wollte es, dass sie wenige Tage nach ihrem Amtsantritt als Kanzlerin die Anfang der neunziger Jahre lange umkämpfte A20, die Küstenautobahn, als eines der größten, vor allem aber als das längste Verkehrsprojekt deutsche Einheit einweihen durfte. Das war bei Tribsees, mitten in ihrem Wahlkreis, in einer ländlichen Gegend, in der die Arbeitslosigkeit mehr als dreißig Prozent beträgt. 2006 konnte Frau Merkel dann die neue Brücke über den Strelasund bei Stralsund einweihen, das neue Wahrzeichen der Stadt.

          Rügen und Ribnitz

          Rügen, die größte deutsche Insel, gehört zum Wahlkreis 15 wie auch das Fischland, Darß und Zingst. Im Westen des Wahlkreises liegen ein paar Orte schon in Mecklenburg. Das Fischland etwa, aber auch Ribnitz-Damgarten, die Stadt, die erst 1950 aus dem mecklenburgischen Ribnitz und dem vorpommerschen Damgarten entstand. Die Wahlergebnisse zeigen: Schon in Ribnitz hat Frau Merkel es schwerer als in den vorpommerschen Gemeinden nebenan.

          Im Zentrum Stralsunds

          In Stralsund in der Ossenreyerstraße hat die prominente Abgeordnete ihr Wahlkreis-Hauptquartier, mitten im Stadtzentrum. „Ich mache da meine Bürgersprechstunde. Da herrscht leider ein strenges Zeitregiment. Aber um die wirklich wichtigen Sachen kümmere ich mich.“ Auch wenn sie für längere Zeit nicht im Wahlkreis ist, hält sie den Kontakt. „Wir telefonieren viel.“ Wir - damit meint sie vor allem zwei Parteifreunde, den Landrat von Nordvorpommern Wolfhard Molkenthin und den Oberbürgermeister von Stralsund Harald Lastovka. Nur der Kreis Rügen, ohnehin stets auf Eigenständigkeit bedacht, bildet die Ausnahme von der CDU-Regel: Die Landrätin Kerstin Kassner gehört der Linkspartei.PDS an, der zweitstärksten politischen Kraft in Vorpommern.

          „Das Schöne ist, daß die Leute ganz normal mit mir umgehen, da hat sich mit meiner neuen Funktion nichts geändert“, sagt die Kanzlerin.

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