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Wahlkampf : Vorsicht Kamera, Herr Stoiber

  • -Aktualisiert am

Probleme beim Spielaufbau - Stoiber bei Christiansen Bild: dba

Stoiber will sich auf das von Schröder vorgeschlagene TV-Duell einlassen. Bei „Sabine Christiansen“ konnte er spüren, dass dies nicht einfach wird. Ein Kommentar zum Kompetenztalk.

          2 Min.

          Da Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sich erst in der heißen Phase des Wahlkampfes im Spätsommer auf zwei TV-Debatten mit dem Unionsherausforderer Edmund Stoiber (CSU) einlassen will, muss sich der Bayer zunächst mit virtuellen Duellen begnügen. Dass bereits da der „Showmaster der Politik“ (Stoiber über Schröder) nicht so einfach in den Schatten zu stellen ist, konnte Stoiber am Sonntagabend bei „Sabine Christiansen“ erfahren, wo er im direkten Gespräch allein zu Gast war. Sein erster großer Solo-Auftritt im Fernsehen nach der Festlegung der Union in der K-Frage.

          Anders als in Bayern ist Stoiber nun in der Rolle des Herausforderers, des Angreifers. In der Talksendung kam er dabei nur selten zu klaren Attacken, oft verzettelte er sich im Spielaufbau. „Abstiegsland“, „Sanierungsfall“, „kranker Mann Europas“. Seinen Krankenbericht zur deutschen Wirtschaft kennen wir nun. Dass es mit der Medizin denn doch etwas schwieriger wird, machten Stoibers Ausführungen klar- die im übrigen nicht so einfach zu transportieren sein werden.

          Mehr Schulden für Wachstum

          Obwohl er die Schuldenlücke im Bundeshaushalt, die er vor allem Finanzminister Hans Eichel ankreidet, massiv kritisiert, will der Ministerpräsident des Musterlandes als Kanzler doch erst einmal mehr Schulden machen - so viel zumindest machte der Hoffnungsträger der Union bei „Christiansen“ deutlich. Die „15, 16 Milliarden Mark“ die Deutschland lediglich noch von der Maastricht-Höchstgrenze entfernt ist, müssten als „Spielraum“ genutzt werden, um die Konjunktur wieder in Fahrt zu bringen.

          Schröder habe sich dagegen nicht als „moderner, zukunftorientierter Kanzler“ gezeigt, da er zum Beispiel die 100 Milliarden Mark aus der Versteigerung der UMTS-Erlöse nur genutzt habe, um die Schulden zu senken, nicht aber um Forschung und Investitionen in Deutschland Auftrieb zu geben. Bayern soll hier als Vorbild dienen, das unter Stoiber Privatisierungserlöse eben auf diese Weise eingesetzt hat.

          Kompetenzlächeln, Kompetenztalk, Kompetenzkandidat

          Aber genau das „Modell Bayern“ sollte Stoiber im ARD-Talk madig gemacht werden. Trotz aller positiven Grunddaten, so eine Message, steige seit einigen Monaten die Arbeitslosigkeit in der Alpenrepublik deutlich stärker als im Bundesdurchschnitt. Und eine Mehrheit der Bevölkerung glaube, so eine Umfrage, dass Stoiber das „Erfolgsmodell Bayern“ kaum auf die ganze Republik übertragen könne. Stoiber in der Defensive?

          Aber der Jurist mit Prädikat hielt seinen Kompetenztalk zwischen Konjunkturanalyse und Körperschaftssteuer durch. 70 Minuten blieb das rechte Bein streng über das linke geschlagen. Die linke Hand klammerte geradezu an der Stuhllehne, die rechte gestikulierte heftigst. Auf kritische Einwürfe von Wirtschafts- und Politikprofessoren, die zu seinen Ausführungen oft heftig nickten, reagierte der Kandidat zumeist mit einem milden Kompetenzlächeln.

          „Where is the beef?“

          Trotzdem wurde der Kompetenzkandidat seine Anspannung und Nervosität offensichtlich nie ganz los. Oft rang er nach den richtigen Worten. Nach einfachen Sätzen. Als es um die Arbeitslosigkeit in Bayern ging, sprach ein dermaßen in der Sache, in seine eigenen Argumente vertiefter Stoiber die Moderatorin Sabine Christiansen versehentlich mit „Frau Merkel“ an.

          Die K-Frage des Landes wird sich nicht mit ähnlich vornehmer Zurückhaltung entscheiden lassen wie die K-Frage der Union zwischen Stoiber und Merkel. Auf die Frage, weshalb es ihm wohl nicht wie Schröder in den Sinn gekommen sei, irgendwann an der Pforte des Kanzleramts zu rütteln, antwortete Stoiber: „Ich bin schon oft drin gewesen.“ Der Kanzler ist in schwierigen Situationen zumindest demonstrativ zupackender: „Where is the beef?“ - so Schröders jüngst geäußertes Motto.

          Dies dürfte umso mehr für die beiden TV-Duelle gelten, die der Kanzler dem Kandidaten für August und September auf dessen Initiative hin angeboten hat. Stoiber will, so unterstrich er zwar noch einmal bei „Sabine Christiansen“, keine „One-Man-Show“. Aber der eine Mann an der Spitze dürfte am Ende entscheidend sein.

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