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Wahlkampf : Der Kanzler, der die Frauen versteht

  • -Aktualisiert am

Will wissen, was Frauen wünschen: Schröder in Frankfurt Bild: dpa

„Sowohl als auch“, antwortete Edmund Stoiber auf Sabine Christiansens Frage, ob er ein konservatives Frauenbild habe. Das wäre Kanzler Schröder nicht passiert.

          Der Bundeskanzler kann nichts dafür, dass er früher ein Macho war. Mutter Erika hat ihn schließlich zum Holzholen geschickt, aber gespült haben immer die Schwestern. Moderatorin Maybrit Illner lächelt. „Und weil Sie immer schon große Holzscheite gespalten haben, sind Sie jetzt Kanzler?“ Ganz so unmittelbar würden Ursache und Wirkung dann doch nicht zusammenhängen, meint Gerhard Schröder am Dienstag in Frankfurt am Main.

          Zu Beginn seiner Amtszeit hat der Kanzler Frauenpolitik gern als „sonstiges Gedöns“ abgetan. Jede Quotenregelung war ihm zuwider. Dass Chancengleichheit eine Frage der Gerechtigkeit ist, berührte ihn nicht sonderlich. Dass der Wirtschaftsstandort Deutschland nicht auf weibliches Know-how verzichten kann, leuchtete Schröder hingegen bald ein. Und je näher die Bundestagswahl rückt, desto mehr dürfte er sich daran erinnern, wem er 1998 den Wahlsieg zu verdanken hatte.

          „Bedauerliche“ Defizite

          Vielleicht hat er deshalb so viel Zeit mit nach Frankfurt gebracht. Bei der Konferenz „Women in European Business“ machte sich Schröder vor den 1.000 Zuhörerinnen fast eineinhalb Stunden für Frauenbelange stark. Dabei hat er vor gar nicht langer Zeit seine engagierte Ministerin Christine Bergmann ausgebremst, die sich ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft gewünscht hätte. Schröder, der Pragmatiker, setzte auf eine Selbstverpflichtung, weil sich die Wirtschaft gegen die geplante Bevormundung wehrte. Sein Machtwort sorgte im Kabinett für viel Zoff. Aber wer will den Unternehmen in Zeiten der Flaute schon weitere Fesseln anlegen?

          „Bedauerlich“ findet der Kanzler nun, wie wenig Frauen in Deutschland Führungspositionen einnehmen. „Bedauerlich“ auch, dass das Bundesverfassungsgericht 1998 den Haushaltsfreibetrag für Alleinerziehende als verfassungswidrig eingestuft habe. Er halte diese Entscheidung für problematisch, könne jedoch aus bestimmten Gründen nicht deutlicher werden, sagt Schröder, dessen allein erziehende Halbschwester Ilse trotzdem sauer auf Rot-Grün ist.

          Schröder plaudert über Privates

          Mehr Ganztagesschulen, mehr Kinderhorte, mehr Chancengleichheit: Schröder weiß, was beruflich erfolgreiche Wählerinnen wünschen. Und weil's beim weiblichen Publikum so gut ankommt, lässt es der Kanzler ein wenig menscheln. Wer sollte ihm einen Vorwurf machen, dass Ehefrau Doris ihren Beruf aufgegeben hat? Als Bundeskanzler fehle ihm schlicht die Zeit, Tochter Klara zu betreuen. Überhaupt: Welche Zeitung würde die Kanzlergattin als politische Korrespondentin einstellen? „Im besten Fall würde man ihr vorwerfen, sie schreibe das, was wir gemeinsam diskutiert haben.“

          Im Übrigen arbeitet Schröder gern mit Frauen zusammen. „Wie soll ich sagen? Die sind nicht so verbissen.“ Als Maybrit Illner ihn auffordert, die Namen der sechs Ministerinnen in seinem Kabinett zu nennen, stockt er. Wer war gleich die Nummer sechs? Die Grüne Renate Künast hätte er beinahe vergessen. Die Moderatorin muss nachhelfen. Schröder fasst sich lachend an den Kopf. „Ach ja, die Landwirtschaftsministerin.“

          Der harte Kern der Führungsmannschaft bestehe eben doch aus Männern, schließt Maybrit Illner daraus. Schröder grinst: „Das ist nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch.“ Von Männergeklüngel am Kamin will er nichts wissen. Und über eine mögliche Doppelspitze im Kanzleramt mit einer Renate Künast an seiner Seite kann er nur den Kopf schütteln. Was kann denn er dafür, dass er früher einmal ein Macho war?

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