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Wahlkämpfer Koch : Wiesbaden vor Augen und Berlin im Blick

  • -Aktualisiert am

Heimlicher Oppositionsführer im Bund: Roland Koch Bild: AP

Wahlkampfauftakt der hessischen CDU in Kassel: Ministerpräsident Roland Koch gebärdete sich wie der heimliche Oppositionsführer auf Bundesebene.

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          In den Augen von Christoph René Holler ist Roland Koch das, was man einen Macher nennt. Einer, der Hessen wie ein Unternehmen führt: Prioritäten benennt und umsetzt.

          Diese für einen Politiker seltene Fähigkeit schätzt der junge Parteifreund an seinem Landesvorsitzenden und Ministerpräsidenten, dem selbst die Schwarzgeld-Affäre der hessischen CDU nichts anhaben konnte. Der 29-Jährige ist Fraktionsführer der CDU in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung und steht auf Platz 46 der Landesliste der hessischen CDU. Sollte es Koch gelingen, seine Partei bei der Landtagswahl am 2. Februar nahe an die 50 Prozent heranzubringen, würde er nicht nur als erster wiedergewählter CDU-Ministerpräsident Hessens in die Geschichtsbücher eingehen, Holler hätte einen Sitz im Wiesbadener Landtag so gut wie sicher.

          Wahlkampf in „Hessisch-Sibirien“

          Der Norden Hessens, der von den reichen Vettern im Süden schon mal als „Hessisch-Sibirien“ verhöhnt wird - und das nicht nur weil die Temperaturen zwischen Bad Hersfeld und Kassel auch im Sommer ein paar Grad unter denen in Frankfurt, Darmstadt oder Wiesbaden liegen - ist traditionelle Hochburg der Sozialdemokraten. Doch die strukturelle Mehrheit der Genossen bröckelt. Seit 1993 regiert ein CDU-Mann in der Heimatstadt Philipp Scheidemanns und Hans Eichels. Und dem Kasseler Oberbürgermeister Georg Lewandowski werden gute Kontakte in die Landeshauptstadt nachgesagt. So oft habe sich keine Landesregierung zuvor im Rathaus blicken lassen, schon gar nicht die rot-grüne Vorgängermannschaft unter Ministerpräsident Eichel unterstreicht Holler und verweist als Beleg dafür, dass es Koch und Co ernst ist mit dem Engagement für die strukturschwache Region auf ein eigens entworfenes Wahlplakat: „Damit es in Nordhessen weiter aufwärts geht! Diesmal CDU“.

          Zum Jahreswechsel schien es schon so, als hätten sich die hessischen Sozialdemokraten mit ihrer drohenden Wahlniederlage abgefunden und auf eine breit angelegte Plakataktion im Stammland an der Fulda verzichtet. Statt des Herausforderers Gerhard Bökel wünschte ein lässiger Ministerpräsident, fotografiert im Freizeit-Look, seinen Landeskindern an jeder Straßenecke eindeutig zweideutig: „Auf ein gutes Neues“. Keine Frage: Die amtierende Landesregierung buhlt um die Gunst der Nordhessen, die mit ihren Stimmen über Kochs politisches Schicksal mitentscheiden. Satte Zugewinne für die CDU hier zu Lande könnten der Partei die absolute Mehrheit bescheren und dem Eschborner mittelfristig ein Ticket nach Berlin. „Wählt Stoiber, verhindert Koch!“, derlei Aufrufe von Koch-Gegnern aus dem Bundestagswahlkampf sind längst überholt.

          Heimlicher Oppositionsführer

          Schon gebärdet sich der aussichtsreichste Bewerber um das hessische Regierungsamt wie ein heimlicher Oppositionsführer in der Bundeshauptstadt. Bei der Auftaktveranstaltung der CDU zur Landtagswahl in Kassel macht Koch keinen Hehl daraus, dass er als künftiger Ministerpräsident der Schröder-Regierung im Bundesrat Paroli bieten will. Das Wahlergebnis vom 22. September könne man zwar nicht ungeschehen machen, doch könnten die Wähler mit ihrer Stimme dafür sorgen, dass die rot-grüne Regierung die Kontrolle bekommt, die sie braucht. Die Bundesvorsitzende der CDU, die beim Landtagswahlkampf nicht abseits stehen will, verzieht bei solchen Drohungen keine Mine. Später aber wird sie am Ende ihrer Rede eher beiläufig sagen: „Deutschland braucht Roland Koch - als Ministerpräsidenten“.
          Doch wird sich der Angesprochene, dessen Schwäche es ist, dass ihm gelegentlich die Zunge entgleitet, damit bescheiden?

          Einen Wahlkampf wie vor vier Jahren, als der bundesweit wenig bekannte CDU-Mann mit seiner Unterschriften-Kampagne gegen die doppelte Staatsangehörigkeit in ganz Deutschland von sich reden machte, wird es diesmal nicht geben. Statt zu spalten, versucht Koch zusammenzufügen. Beim strittigen Thema Zuwanderung verweist er darauf, dass Hessen unter seiner Führung zu einem Musterland der Integration geworden sei, wo man „multilingualen Lebensformen“ in den Klassenzimmern mit Deutschkursen für ausländische Kinder begegne. Seine schlichte Formel für einen Kompromiss im Bundesrat lautet daher: „Ohne Integration keine Zuwanderung.“ Koch weiß, dass potenzielle Kanzlerkandidaten solche Probleme besser nicht auf der Straße lösen.

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