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Wahlkampf : Jung, gebildet, ehrgeizig - Berufspolitiker

  • -Aktualisiert am

Caspary ist die Erste in dem Restaurant nahe der Autobahn. Dunkle Farben, dunkles Holz, Tiergeweihe an den Wänden. Als sich der Raum füllt, sitzt sie schon ganz nah beim Vorsitzenden. 27 Männer und fünf Frauen, Weizenbier und Apfelschorle. Die Sitzung beginnt mit Personaldebatten, Auswertung von Treffen und Partys. Dann kommen die Antragsdiskussionen. Caspary trägt ruhig ihre Sätze vor. Beim ersten Antrag hakt es noch, sie muss eine Formulierung streichen. Es ist heiß. Alle Fenster sind offen, doch die Luft will sich nicht bewegen. Antrag zwei wird ohne Diskussion genehmigt, Antrag drei auch. Der Vorsitzende fächelt sich mit Antragspapieren Luft zu. Dann kommt die Gesundheitskarte. Casparys Augen suchen jene Mitglieder, von denen sie Widerspruch erwartet. Keine Reaktion, fast alle heben die Hand, der Antrag ist durch, und Caspary lächelt so breit wie noch nie an diesem Abend. „Die Hitze hat mir geholfen“, sagt sie später.

Als Bockhahn die Änderungsanträge vorliest, steht er auf der Bühne in der Berliner Max-Schmeling-Halle. Wahlparteitag der Linkspartei, Bockhahn ist Sprecher der Antragskommission. Eben noch hat Gregor Gysi zu den Delegierten gesprochen, mal lauter, mal leiser. Jetzt brechen einige Zuhörer auf, gehen nach Hause oder auf die Toilette. „Nach impulsivem Gerede“, beginnt Bockhahn, „kommt nun die trockene Antragsarbeit.“

Als Stunden später die Halle leer ist, sitzt er auf einer Tribüne und sagt, dass die Arbeit in der Antragskommission nicht gerade schädlich sei für Ansehen und Beliebtheit in der Partei. Er habe die Aufgabe übernommen, weil er gebeten wurde und weil er es könne. Weil er strukturiert arbeite und denke. Gelernt habe er das in vielen Jahren der Parteiarbeit. Bei ihm verhalte es sich so, sagt er, wie Luhmann es geschrieben habe: Er habe seine Fähigkeiten dem System angepasst, in dem er sich bewegt. Dabei vertrete man natürlich nicht immer, wozu man auch hundertprozentig stehe. „Hauptsache, ich kann danach noch in den Spiegel sehen.“

Jahre der Parteiarbeit seien eine Herausforderung an die Persönlichkeit, sagt Toncar. „Da treffen menschliche Zu- und Abneigung aufeinander, und alles ist verbunden mit Sachfragen, die ja auch Konsequenzen haben.“ Er sitzt im Café auf dem Dach des Reichstags. Im Jakob-Kaiser-Haus gegenüber hat er sein Abgeordnetenbüro, in dem seine Mitarbeiter arbeiten. Er siezt sie, da sich sonst Berufliches mit Privatem vermische. Wenn Siege und Niederlagen öffentlich sind, sagt er, kann das sehr verletzend sein. Viele empfänden es als Gesichtsverlust, wenn sie aus ihren Positionen abgewählt würden. Das könne einen Menschen verändern.

Er sei sich dessen immer bewusst gewesen, sagt er, dass vielleicht irgendwann die Stimmen fehlen, die ihn wieder in den Bundestag bringen - in der Partei oder bei Wahlen. An seinem Verhalten bei Abstimmungen ändere das nichts. Als im Bundestag vor einigen Wochen über eine neue Schuldenbremse für Bund und Länder abgestimmt wurde, sollte seine Fraktion sich enthalten. Es war der Wunsch des Vorsitzenden Westerwelle. Das habe er als junger Abgeordneter nicht verantworten können. Er hat mit „Ja“ gestimmt, als Einziger. Er sagt, das sei mutig gewesen.

„Ich will nicht davon abhängig werden, Mandate zu gewinnen“, sagt Ska Keller. Und sie sagt, sie wolle nicht ihr ganzes Leben im Europaparlament sitzen. Ihr Studium der Turkologie will sie schnell abschließen. Wäre sie nicht gewählt worden, hätte sie wohl promoviert. Werde bloß nicht wie Niels Annen, habe man ihr gesagt. Annen sitzt für die SPD im Bundestag, hat sein Studium nach vielen Jahren abgebrochen und dann seinen Wahlkreis verloren. Als sie die Nachricht über das Europawahlergebnis und ihren Karrieresprung erreicht hatte, telefonierte sie im Foyer der Heinrich-Böll-Stiftung mit Jan Philipp Albrecht, ihrem Kollegen von der Grünen Jugend. Auch er hatte es ins Europäische Parlament geschafft, er ist 26 Jahre alt. Sie gratulierte ihm und gab dann das Handy weiter an einen jungen Mann neben ihr. „Du hast einen Job, Mann, und nicht den schlechtesten, den besten“, hat der ins Telefon geschrien. „Rock 'n' Roll!“

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