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Wahlkampf : Jung, gebildet, ehrgeizig - Berufspolitiker

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Steffen Bockhahns Eltern wohnen noch in der Wohnung, in der er aufgewachsen ist. Kleine Zimmer nahe dem Rostocker Stadthafen. Als er noch jung war, hingen Poster seiner Partei an seinem Kinderzimmerfenster. Heute liegen Flyer mit seinem Namen auf der Schuhablage. Die Erziehung seiner Eltern sei für seine politische Prägung entscheidend gewesen, sagt er. Beide sind Lehrer, beide führten FDJ-Gruppen, beide waren in der SED und sind heute in der Linkspartei. Auch Bockhahn war Klassensprecher.

Eingetreten ist er in die PDS mit 16 Jahren, auch sein Aufstieg war steil, ein politisches Bilderbuchleben. Kreisvorstand, Delegierter auf Bundesparteitagen, stellvertretender Landesvorsitzender. Er sagt, sein Alter habe ihm geholfen. Geplant haben will er nichts, und doch kenne er den Vorwurf, ein Karrierist zu sein, sehr gut. Vor zwei Jahren hat er sein Politikstudium abgeschlossen. Den Einstieg ins Berufsleben hat er reibungslos geschafft. Er ist Mitarbeiter bei Dietmar Bartsch, dem Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit seines Landesverbands. Er verdient sein Geld in der Politik, aber noch nicht mit der Politik. Der Landesvorsitz könnte das ändern oder der Einzug in den Bundestag. „Ich mache nicht Politik, um Geld zu verdienen, aber ich finde es in Ordnung, wenn ich damit Geld verdiene.“

Katharina Caspary hat sich vorbereitet, an ihren Anträgen gefeilt, ihre Argumente sortiert. Es sind nur noch wenige Stunden bis zur Sitzung des Bezirksvorstands der Jungen Union Nordbaden, und die Hitze drückt in ihre Wohnung in Tübingen. Neues Mehrfamilienhaus, viel Glas, die Biographie von Helmut Kohl im Bücherregal. Auf dem Tisch liegen die Antragsformulare für den Abend. Vier Punkte möchte sie in dem Papier geändert haben, mit dem die Junge Union in Baden-Württemberg ihre Erwartungen an die Bundespolitik bündeln will. Es geht meist um wenige Worte, um Statistiken, um Apotheken im ländlichen Raum. Und es geht um ihr wichtigstes Projekt: die Gesundheitskarte. Deren Einführung solle die Junge Union fordern. Doch bis dahin ist der Weg noch weit. Sie muss ihren Bezirk am Abend überzeugen, danach geht es zum Landestag. Erst wenn ihre Vorschläge auch dort angenommen werden, kommen sie in das Papier mit dem Namen „Chance 2009“. „Im Kleinen kann man versuchen, die Partei so zu lenken, wie man es sich wünscht“, sagt Caspary. Sie ist keine Wahlkämpferin, sie ist Politikarbeiterin.

Caspary ist 26 Jahre alt. Sie hat zwei Kinder, ist verheiratet, hat Medizin studiert, arbeitet in einer Klinik, promoviert. Und sie kann fast eine Seite in ihrem Lebenslauf mit den Ämtern füllen, die sie schon in der Union innehatte. In Kreis- und Bezirksvorständen, in Ausschüssen und im Landesvorstand. Je mehr man sich für die Themen interessiere, sagt sie, umso mehr wolle man auch vorankommen. Wenn Freiwillige gesucht wurden, hat sie sich stets gemeldet. Ihre Mitarbeiterstelle beim Landesminister für Ernährung in Baden-Württemberg hat sie erst vor wenigen Wochen gekündigt. Gerade hat sie ihr zweites Kind bekommen. 2002 war Caspary Bundestagskandidatin. Sie scheiterte damals und sagt heute, sie bedaure es nicht. „Mir geht es nicht um Mandate“, sagt sie. „Ich will inhaltlich arbeiten.“ Überhaupt seien es nicht immer die Besten, die es nach oben schafften, und sie habe längst andere Prioritäten: Sie ist Mutter und Medizinerin. Politik ist ihr Hobby. Für ihren Mann aber ist es der Beruf. Seit 2004 sitzt er für die Union im Europäischen Parlament.

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