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Wahlkampf : Jung, gebildet, ehrgeizig - Berufspolitiker

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Am nächsten Abend muss er nicht viel reden, er darf zuhören. Klassiknacht im Rostocker Zoo, Lokalprominenz, Eintrittsgelder für einen guten Zweck. Bockhahn ist gut gelaunt, in der Lokalpresse wird über ihn und den Vorabend im Rathaus wohlwollend berichtet. Mit einem Bier steht er am Eingang zu der Wiese, auf der die Stuhlreihen stehen, und schüttelt viele Hände. „Ein gutes Personengedächtnis ist wichtig, um Erfolg in der Politik zu haben.“ Dann geht er mit seiner Frau zu seinen Plätzen. Im vergangenen Jahr noch musste er in der zweiten Reihe sitzen, diesmal wurde er in die erste geladen. In der ersten Reihe sitzen Bürgermeister, Bundestagsabgeordnete, Landespolitiker. In der ersten Reihe gibt es Schnittchen.

Als Florian Toncar Schnittchen serviert werden, ist seine Zeit schon um. Zwei Stunden hat er sich in dem Konferenzraum in einem Computerunternehmen in Böblingen erklären lassen, wie Server gekühlt und Speicherplatten vergrößert werden. Und was die Firma über neue Gesetzesvorhaben denkt. Er bedankt sich für die „interessanten Einblicke“ und fährt davon. Seit 2005 ist Toncar Bundestagsabgeordneter für die FDP. Da hatte er gerade sein Jura-Studium abgeschlossen. Auch jetzt kandidiert er wieder, seine Chancen stehen gut. Er ist 29 Jahre alt und sitzt schon recht häufig in der ersten Reihe.

Schweißtreibende Arbeit

Zehn Minuten später steht er in einem Klassenraum, die Sonne fällt durch die Fenster, es riecht nach Füßen. Elftklässler haben Fragen vorbereitet, Toncar erteilt das Wort mit gestreckter Hand. Ihm wird ein Stuhl angeboten, doch er steht lieber. „So rede ich auch im Bundestag.“ Fragen zu Nordkorea, dann Iran, dann Bildungspolitik. Der Weg zur Antwort ist lang, führt über Einordnungen und Abwägungen. Sein Gesicht zeigt keine Regung, seine Hände zeichnen Kreise und Linien. Die Klasse ist ruhig. Schweißperlen laufen Toncar ins Gesicht, Haarsträhnen kleben an der Stirn. Er trägt Krawatte, das Sakko bleibt zu. Nach 60 Minuten sind keine Fragen mehr übrig. Toncar sagt: „Seid nett zu euren Lehrern“ und geht.

Aufgewachsen ist Toncar im Stuttgarter Speckgürtel, dort, wo er heute für den Bundestag kandidiert. Die Eltern - der Vater Schulleiter, die Mutter Ärztin - sind der FDP nah, aber keine Mitglieder. Toncar trat 1998 in die Partei ein, da ging er in die 13. Klasse. Klassensprecher sei er schon immer gewesen. „Ich mag es, Gruppen zu leiten und Entscheidungen zu treffen.“ Und Extreme habe er abgelehnt. So sei er zur FDP gekommen. „Am Ende war das auch eine Bauchentscheidung.“ Er war der einzige Schüler in seinem Jahrgang, der zu den Liberalen gegangen ist. 1998 war die FDP in der Krise. Händeringend habe sein Kreisverband nach jungen Leuten gesucht, sagt er. Als die FDP wenige Jahre später den Aufbruch schaffte und zunehmend junge Mitglieder gewinnen konnte, war Toncar schon in der Partei angekommen, saß im Kreisvorstand. 1999 hat er den Europawahlkampf mitorganisiert. Pläne zu entwerfen, um Menschen zu überzeugen - ein großer Vorzug der Parteiarbeit, sagt er. „Probleme lösen könnte ich sonst auch an der Universität.“

Neben der Arbeit im Kreisvorstand engagierte er sich bei den Julis, der Jugendorganisation der FDP. Sein Aufstieg war steil. Er wurde Landesvorsitzender. Geplant habe er das alles nicht, sagt er. Aber genutzt hat er seine Möglichkeiten. Immer wieder hat er sich wählen lassen, Stufe um Stufe hinauf, bis hinein in den Bundestag. Er könne es nicht ertragen, zum Zuschauen verdammt zu sein. „Ich bin jemand, der privat wie politisch unheimlich gerne eingreift ins Geschehen.“ Und wer eingreifen will, braucht die Macht dazu.

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