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Schlämmers Grevenbroich vor der Wahl : Dann kam Horst und stellte sich vor den Haufen

Bei der Kommunalwahl haben gleich mehrere Bürger die fiktive Partei HSP gewählt Bild: dpa

Laut Horst Schlämmer spielt nach der Wahl die Musik nicht mehr in Berlin, sondern in Grevenbroich. Ein paar Leute haben seine HSP bei der Kommunalwahl schon gewählt. Dazu haben sie den Schriftzug „SPD“ verstümmelt. Eine Ortsbesichtigung.

          Manfred Hermanns traute seinen Augen nicht. Als er Ende August der Stimmauszählung für die Kommunalwahl im Grevenbroicher Stadtteil Elsen beiwohnte, hatten gleich mehrere Bürger die fiktive Partei HSP des fiktiven Grevenbroicher Politikers Horst Schlämmer gewählt. „Der SPD war jeweils ein H vorgehängt und das D gestrichen.“ Hermanns ist zwar FDP-Fraktionsvorsitzender im Grevenbroicher Stadtrat. Die Sozialdemokratie so zu veralbern findet er aber widerwärtig. „Das Problem ist, dass es immer echter wird mit diesem Schlämmer.“

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Und weil der stellvertretende Chefredakteur des fiktiven „Grevenbroicher Tageblatts“ offensichtlich alkoholabhängig sei, fürchtet er sogar „einen negativen Touch für Grevenbroich“. Der pensionierte Polizeibeamte lässt kein gutes Haar an Schlämmer. Noch nicht einmal das rheinische Dehnungs-i beherrsche dieser Mann. Es sei schmerzhaft, wenn man „Grevenbreusch“ statt „Grevenbrooch“ sage. „Man darf Grevenbroich nicht auf eine Karikatur reduzieren.“

          Bundeshauptstadt der Energie

          Grevenbroich, mit 65.000 Einwohnern an 135. Stelle unter den deutschen Kommunen, gehört nicht zu den übermäßig selbstbewussten Städten. Das merkt man schon daran, dass Grevenbroich immer einen Zusatz braucht. Früher trat die Stadt, die im Schatten der drei übermächtigen Nachbarkommunen Köln, Düsseldorf und Mönchengladbach liegt, als „Grevenbroich am Niederrhein“ auf. Dabei fließt durch Grevenbroich die Erft. Heute versucht Grevenbroich mit seiner guten Verkehrsanbindung, seiner erstaunlich geringen Arbeitslosenquote von 6,5 Prozent, seinem ADAC-Fahrsicherheitszentrum und vor allem als „Bundeshauptstadt der Energie“ auf sich aufmerksam zu machen.

          Gerade baut RWE hier das modernste Braunkohlekraftwerk der Welt

          Auf der Grevenbroicher Gemarkung befinden sich die größte zusammenhängende Braunkohle-Lagerstätte Europas und mehrere Großkraftwerke, deren dampfende Kühltürme man schon von weither sieht, weil sie höher sind als der Kölner Dom. Gerade baut RWE hier das modernste Braunkohlekraftwerk der Welt. Europas größte Baustelle mit täglich bis zu 4000 Arbeitern findet sich deshalb zur Zeit nicht in Berlin – sondern in Grevenbroich, wie Bürgermeister Axel Prümm stolz sagt. Und Kraftwerksmanager Eberhard Uhlig ergänzt, dass 2,2 Milliarden Euro in die Zukunft der Region investiert werden.

          Rosenstöcke und ein kleiner sauberer Vorplatz

          Weithin bekannt gemacht hat die nordrhein-westfälische Stadt freilich erst Hape Kerkeling, der sich derzeit im Film als Horst Schlämmer um das Amt des Bundeskanzlers bewirbt und im Erfolgsfall das Kanzleramt in seine Heimatstadt verlegen will. Einstweilen wohnt Schlämmer in einem bescheidenen, grauen Häuschen mit ein paar Rosenstöcken im Vorgarten, einer Garage und einem sauberen kleinen Vorplatz. Josef Becker hat es zwischen 1949 und 1951 zusammen mit seinen Eltern selbst gebaut. Seit mehr als vier Jahrzehnten lebt er mit seiner Frau Marga nun schon in dem Häuschen.

          Kaum etwas haben die beiden verändert. Im Wohnzimmer gibt es eine plüschige Sitzgruppe und einen Couchtisch mit Kacheln. In der Ecke hockt eine Puppe auf einem kleinen Stuhl. An einer Wand steht ein Sekretär, in dem sich prima Doornkaat einlagern lässt. Ganz klar: Hier fühlt sich Schlämmer wohl. Marga Becker zeigt auch das solide Ehebett, auf dessen rechter Seite sich der stellvertretende Chefredakteur nach anstrengenden Tagen unter dem Kruzifix in die Kissen fallen lässt.

          „Dann kam Schlämmer und stellte sich vor den Haufen“

          Fotografieren lassen wollen sich die Beckers nicht. „Wir sind keine Prominenten“, sagt Herr Becker. Deshalb haben sie auch Kerkelings Einladung ausgeschlagen, zur Premierenfeier von „Isch kandidiere“ nach Köln zu kommen. Ist Schlämmer für Grevenbroich mehr Fluch als Segen? „Ein Segen!“, sagen die Beckers ohne Zögern und erzählen die Geschichte vom Schutthaufen. Zwei lange Jahre seien die Trümmer eines abgerissenen Hauses gegenüber nicht weggeräumt worden. „Dann kam Schlämmer, stellte sich vor den Haufen, schwärmte von seiner bevorzugten Wohnlage, und schon war der Schutt weg.“ Ganz reizend seien die Leute gewesen, findet Frau Becker. „Etwas gestresst, aber ganz freundlich der Hape und der Angelo, also sein Lebenspartner.“

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