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Schleswig-Holstein : Ein Schiff nach Jamaika?

Muss schmerzliche Stimmenverluste hinnehmen: CDU-Ministerpräsident Carstensen Bild:

Am Ende kam es in Schleswig-Holstein so diffus, wie viele es erwartet hatten: Große Verluste für Peter Harry Carstensen, aber auch für die SPD. Jubel hingegen bei der FDP - die nun wahrscheinlich Teil der Landesregierung wird. Der Wahlabend im Kieler Landeshaus.

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          Als Schleswig-Holstein vor vier Jahren einen neuen Landtag wählte, hatte Hape Kerkeling seine Figur Horst Schlämmer gerade erfunden. Die Wahl war am 20. Februar 2005, Schlämmers Fernsehkarriere begann erst im April. Schlämmer zog am Abend der Landtagswahl mit seinem Mikrophon und einem Kameramann durch das Kieler Landeshaus, um seine Interviews zu führen. In dem summenden Betrieb des zu einem riesigen Fernsehstudio umgebauten Landtages wirkte Schlämmer wie der Einbruch der Wirklichkeit in die Fiktion. Denn die Parteien hatten soeben erlebt, dass die Wahlergebnisse weit von den vorhergesagten abwichen, und damit erfahren, dass sie offenbar von der Wirklichkeit wenig wussten. Bei der CDU wollte der Jubel kein Ende nehmen, als gegen alle Erwartungen der Balken auf der Ergebnisskala erst kurz hinter der 40-Prozent-Marke anhielt. Die SPD mit einer völlig konsternierten Heide Simonis konnte sich nicht erklären, weshalb die Wähler die Partei derart abstrafen wollten. Es gab so viele Merkwürdigkeiten an diesem Wahlabend, dass Schlämmers grauer Trenchcoat in der Aufregung wie die einzige Gewissheit erschien.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dass die Landtagswahl vom Sonntag nun eine vorgezogene war, gilt als Folge der merkwürdigen Wahl von 2005. Die SPD hatte verloren und versuchte es dennoch mit einer rot-grünen Minderheitsregierung, die aber an der Ministerpräsidentenwahl furios scheiterte. Es folgten die ungeliebte große Koalition und der damit verbundene Dauerstreit zwischen Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) und Ralf Stegner (SPD), erst Innenminister, dann Fraktions- und Landesvorsitzender. Schließlich kündigte die CDU im Juli die Koalition auf in der Hoffnung, bei einer Landtagswahl zusammen mit der Bundestagswahl zu stabilen Verhältnissen zu kommen. Stabile Verhältnisse - damit meinte die CDU allein das Bündnis mit der FDP, schon 2005 angestrebt und damals am schlechten Wahlergebnis der FDP gescheitert.

          Sektflaschen bei der FDP

          Am Sonntag das gleiche Bild wie 2005 im Landeshaus: summender Betrieb, gleißendes TV-Licht, Hitze, Lärm, Erwartung, Skepsis. Diesmal aber kein Jubel bei der CDU. Der Balken bei der CDU wollte sich gar nicht recht fortbewegen, schon bei der 30 war Schluss. Die Sektflaschen bei der FDP hingegen waren schon eine halbe Stunde vor 18 Uhr geöffnet. „Wir werden zweistellig“, raunte es zufrieden. So kam es. Sensationelle 15,5 Prozent. Aber die kleine FDP konnte unmöglich die Verluste der CDU ausgleichen, auch wenn es für sie gut gelaufen ist. Also doch wieder keine stabilen politischen Verhältnisse im Norden? Die Parteien mussten sich auf einen langen Abend einrichten. Keine Mehrheit für Schwarz-Gelb ohne Überhandmandate, mit Überhangmandaten könnte es wahrscheinlich reichen.

          Eben noch, kurz vor 18 Uhr, wurde bei der CDU gejubelt, als im Fernsehen die Stimmung im Berliner Willy-Brandt-Haus gezeigt wurde. Als die Prognose kam, wurde es still. Zehn Prozentpunkte weniger als 2005. Die Partei hatte allerdings damit gerechnet. Es ist vermutlich das schlechteste Ergebnis seit 45 Jahren. Noch schlechter freilich das Ergebnis bei der SPD, deren Genossen im Fraktionssaal aber ohne große Gemütsbewegung die Prognose hinnahmen. Sie sind Kummer gewöhnt. Die SPD wird wohl keine Rolle spielen bei einer Regierungsbeteiligung, weder in einer großen Koalition noch mit einem linken Bündnis. Der Südschleswigsche Wählerverband dürfte es mit Erleichterung aufnehmen. Er wird wieder drei Abgeordnete haben und kann sich aus Koalitionsverhandlungen heraushalten.

          Grüne: Sind gefragt wie nie

          Der Jubel bei der FDP war laut, aber kurz. Das Ergebnis hat schließlich seine Tücken. Legt nun ausgerechnet von der Kieler Förde ein Schiff nach Jamaika ab? Eines immerhin hat sich seit 2005 verändert: die Grünen. Vor allem mit ihrem Vorsitzenden Robert Habeck, der nun in den Landtag eingezogen ist, dürfte es auch in Kiel damit vorbei sein, in Lagern zu denken, hier Rot-Grün, da Schwarz-Gelb. Carstensen war bei allem schwarz-gelben Wahlkampf nicht müde geworden zu sagen, wie gut er mit Habeck auskomme, wie viel sie, etwa bei dem künftigen Ferienpark in Port Olpenitz, schon zusammen erreicht hätten.

          Und Habeck, der sich im Gegensatz zu den Führern der anderen Parteien am Wahlabend sofort bei seinen Parteifreunden im Fraktionsraum zeigte? Er freue sich über das Ergebnis, sagte er, die Grünen seien gefragt wie nie. „Der Abend wird spannend. Wir reden natürlich mit allen.“ Vielleicht aber doch lieber mit der CDU, der noch immer mit Abstand stärksten Partei in Schleswig-Holstein, als mit der SPD? Habeck ließ sich darauf nicht ein: „Abwarten.“ Damit ist die Spannung in Kiel auch nach dem Wahlabend nicht vorbei. Aber genau das ist man im Landeshaus seit jeher gewohnt.

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