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Schröder und Lafontaine : Er oder ich

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Im Bundestagswahlkampf 1998: Der saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine (links) und SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder Bild: Barbara Klemm /F.A.Z.

Für zwei Männer wie sie war an der Spitze der SPD offenbar kein Platz. Mit dem überraschenden Rücktritt Oskar Lafontaines vor genau zehn Jahren war der Machtkampf mit Gerhard Schröder entschieden. Kein persönliches Wort haben die Freunde, die Gegner seither miteinander gesprochen.

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          Es war ein Machtkampf zweier Männer. Das Duell zweier Vollblutpolitiker. Sie beherrschten den Umgang mit den Medien. Sie beherrschten ihre Partei. Sie waren Konkurrenten, die Freundschaft vorspielen konnten. Sie waren Verbündete, die stets die Möglichkeit im Kopf hatten, Gegner zu werden - werden zu wollen, werden zu müssen. Sie konnten gut übereinander reden. Sie konnten schlecht übereinander reden. Sie wurden Feinde. Sie respektierten sich, weil sie Stärke und Professionalität des anderen anerkannten.

          Der eine wollte als Kanzler herrschen. Der andere dachte, er könne mit den Ämtern des Parteivorsitzenden und des Bundesfinanzministers der Chef sein. Doch einer war zu viel in der Arena. Vor zehn Jahren legte Oskar Lafontaine alle politischen Ämter nieder - kampflos, wie seine Freunde bedauerten, stillos und feige, wie seine immer zahlreicheren Gegner kritisierten. Die einen sagen, er sei aus politischen Gründen gegangen. Die anderen sehen nur eine Niederlage in einer persönlichen Rivalität. Nie hat ein Rücktritt so viel in Bewegung gesetzt wie der am 11. März 1999.

          Nicht beeindruckt

          Am Tag davor, einem Mittwoch, ist Sitzung des Bundeskabinetts, 9.30 Uhr. Ein Beobachter notiert: „Der Kanzler (grauer Anzug mit Weste, weißes Hemd, goldfarbener Seidenschlips) setzt sich zwischen Vizekanzler Joschka Fischer (Grüne) und Kanzleramtsminister Bodo Hombach (SPD), eröffnet mit der Tischglocke die Sitzung.“ Es soll zu einer Standpauke gekommen sein, wie sie - außer Lafontaine natürlich - sonst niemand inszenieren konnte. Schröder knöpft sich die Familienministerin Christine Bergmann (SPD) vor. Über Kosten des Mutterschutzes und des Vaterschaftsurlaubs und die Belastung der Wirtschaft poltert der Kanzler. Dann ist Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) an der Reihe: Altauto-Verordnung, Smog-Verordnung.

          Der Bundeskanzler fordert: „Wir brauchen kräftige Signale zur Verbesserung der Stimmung in der Wirtschaft.“ Das findet Lafontaine auch. Er unterstützt Schröder - wie meistens, wenn andere zugegen sind. Christine Bergmann soll Widerspruch gewagt und auf die Gleichberechtigung der Frau hingewiesen haben. Schröder wird sich später erinnern, er sei aus der Haut gefahren. „Es wird einen Punkt geben, wo ich die Verantwortung für eine solche Politik nicht mehr übernehmen werde“, sagt er. Trittin ist nicht beeindruckt, und die anderen sind es auch nicht. Sie kennen ihren Kanzler. Sie hatten schon früher die Erfahrung gemacht, Schröder schimpfe gerne auf Kabinettsmitglieder minderer Bedeutung oder auf die Grünen, wenn es in der SPD Probleme gebe.

          Oskar Lafontaine wurde 1943 in Saarlouis geboren. Der Vater fiel im Krieg. Mit zehn Jahren kam er in das Bischöfliche Konvikt in Prüm in der Eifel. Abitur, Studium der Physik, Diplom-Examen 1969. 1966 Eintritt in die SPD - gemeinsam mit Reinhard Klimmt, der heute noch sein Freund ist. Mit den Flügelkämpfen der Jungsozialisten hatte er wenig zu tun. 1968 wurde Lafontaine in den Landesvorstand der saarländischen SPD gewählt, 1969 in den Stadtrat von Saarbrücken. Oberbürgermeister wurde er 1976, Landesvorsitzender 1977, Präsidiumsmitglied der Bundes-SPD 1979. Bald war er ein hitziger Gegner der Politik des Bundeskanzlers Helmut Schmidt. 1985 wurde Lafontaine Ministerpräsident. Er war der Anführer der sogenannten Enkel Willy Brandts. 1990 war er Kanzlerkandidat. Bei einem Attentat wurde er lebensgefährlich verletzt. Er überwarf sich mit Brandt in Fragen der Vereinigung Deutschlands.

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