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Saarland : Anders als die anderen

Bündnis der neuen Art: Oskar Lafontaine und Heiko Maas (v.r.) Bild: ddp

Im Saarland ticken die Uhren seit jeher ein wenig anders als im Rest der Republik. Nun könnte das kleine Land, das mitten im Strukturwandel steckt, das erste Bundesland mit einer rot-rot-grünen Landesregierung werden.

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          In der politischen Geschichte des Saarlandes als kleinsten Flächenstaates der Bundesrepublik gibt es im Grunde nur drei Phasen: die Zeit vor Oskar Lafontaine (bis 1985), die Zeit mit Oskar Lafontaine und seinem Alter Ego Reinhard Klimmt (bis 1999) und die Zeit unter dem Ministerpräsidenten Peter Müller, den es ohne Lafontaines Bonner Rücktritt nicht gegeben hätte. Drei Phasen in mehr als 50 Jahren – das zeugt von Kontinuität. CDU und SPD liegen hier ideologisch auch nicht weit auseinander. Das Saarland ist dörflich, katholisch und trotzdem industriell geprägt. Hier gab es lange den klassischen Dorfarbeiter, der werktags auf der Hütte schaffte und sonntags in die Kirche ging. Fast jeder hatte einen in der Familie, der unter Tage oder „auf der Hütte“ sein Geld verdiente, und mit der Hütte vererbte sich nicht nur der Beruf vom Vater auf den Sohn, sondern auch die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft. Die CDU war hier immer schon eher links und die SPD nie antiklerikal und klassenkämpferisch. Das zeugt von Konsens.

          Oliver Georgi

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          Die schwere Industrie machte die Menschen im Südwesten nicht reich, aber wohlhabend, und selbst eine unscheinbare Stadt wie Völklingen wusste zeitweilig nicht, wohin mit dem Geld, das die Hütte einbrachte. Es war diese eigenartige Mischung aus Randständigkeit und wirtschaftlicher Potenz, aus dem Gefühl des „Underdog“ und der Gewissheit, eine zwar unterschätzte, aber dafür umso wichtigere Arbeit zu tun, die die Menschen am westlichsten Rand der Republik stets bestärkte. Das Saarland, das so oft zwischen den Staaten hin- und hergeschoben wurde, das mal französisch und dann wieder deutsch war, war in vielerlei Hinsicht anders als die anderen. Es war ein besonderes Land.

          Umwälzender Strukturwandel

          Heute sind diese Zeiten Geschichte, und die einst so mächtige SPD ist schon gut zehn Jahre in der Opposition. Nach zehn Jahren unter dem volkstümlichen Müller ist das Ende der Kohleförderung beschlossene Sache. Seitdem die mächtigen Grubenbeben überhandnahmen, blieb der CDU-Landesregierung gar nichts anderes übrig, als aus der Kohleförderung allmählich auszusteigen. Der umwälzende Strukturwandel hat die Menschen an der Saar bis ins Mark getroffen, und noch immer taumelt das Land irgendwo zwischen Industriedenkmal und Hightech-Standort.

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          Schmerzliche Niederlage: Ministerpräsident Peter Müller hofft noch auf eine Jamaika-Koalition : Bild: dpa

          Die Zahl der Arbeitslosen, die zuvor ein Leben lang hochspezialisiert im Bergbau oder im Stahlwerk gearbeitet hatten, wuchs über lange Jahre stetig. Die Verschuldung stieg auf ein Rekordniveau, weil das Land immer weniger Steuern einnahm und die Kaufkraft schrumpfte. Noch immer ächzt das Land unter der Anstrengung der Konversion. Und vom einstigen industriellen Reichtum sind nur wenige Leuchttürme geblieben – die Autoproduktion im Saarlouiser Ford-Werk etwa, die Dillinger Hütte, das Unternehmen Saar-Stahl. Längst setzt das Land seine Hoffnungen in andere, hochmoderne Bereiche wie die Nano-Bio-Technologie. Oder die Informatik. Einst setzte Ministerpräsident Lafontaine durch, an der Universität des Saarlandes die Geistes- und Sozialwissenschaften zu stutzen und etwa den Studiengang Informatik auszubauen. Das Institut in Saarbrücken gilt als eines der führenden in Deutschland. In seinem Umfeld siedelten Hightech-Unternehmen. Auch dies gehört zur Bilanz Lafontaines, des Spitzenkandidaten der Linkspartei an der Saar. Doch ansonsten fiel die Transformation vielfach schwer, auch wenn die Müller-Regierung im Wahlkampf gern auf das hohe Wirtschaftswachstum verweist.

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