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Oskar Lafontaine : Rückkehr in eine Welt, die es nicht mehr gibt

  • -Aktualisiert am

Königsmacher? Die Umfragen für die saarländische Linkspartei sehen nicht mehr ganz so vielversprechend aus Bild:

Oskar Lafontaine ist wieder da, wo er einmal angefangen hat. Doch „dahemm“ ist er an der Saar nicht mehr. Die Linkspartei im Saarland verliert an Zustimmung. Das liegt auch an den Veränderungen in der SPD, die er zu verantworten hat.

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          Freundlich, aber bestimmt gibt der nette, ältere Herr mit silberweißem Haar der hübschen, jungen Blondine Anweisungen. „Sandy, komm mal her mit der Kamera und mach ein Foto von uns, damit diese historische Begegnung festgehalten wird.“ Schon zum fünften Mal an diesem Vormittag spuckt die von Sandy bediente Polaroidkamera nach wenigen Sekunden ihr Werk aus. Dann zückt der Herr einen von Assistentin Sandy gereichten Filzstift und signiert das Foto zu einem ganz individuellen Autogramm, das er einer strahlend lächelnden Dame überreicht.

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          Es ist kein alternder Schlagersänger, der so seine ebenfalls in die Jahre gekommenen Fans mit persönlichen Andenken entzückt, sondern ein Berliner Spitzenpolitiker auf Heimatvisite. Wie ein stolzer Hausherr präsentiert ein glänzend aufgelegter Oskar Lafontaine einem Tross meist aus der Hauptstadt angereister Journalisten den Sankt Johanner Markt in Saarbrücken als eine Art linkes Wohnzimmer. Einen Platz, den er einst in den späten siebziger Jahren als sozialdemokratisches Stadtoberhaupt für die Saarbrücker zum kulinarischen und geselligen Treffpunkt mit französischer Lebensart ausgestaltet hat.

          Sehnsucht nach besseren Zeiten

          Auch die Menschen in den Cafés und an den Marktständen rund um den Barockbrunnen, die der Spitzenkandidat der Linkspartei im offenen, blauen Kurzarmhemd mit einem wissenden Lächeln ansteuert und anspricht, reagieren freundlich auf die Kontaktaufnahme des prominenten Wahlkämpfers. „Ich wähle ihn und hoffe, dass viele das machen. Im Saarland bleibt einem ja nichts anderes übrig, wenn der Müller und seine CDU Grundschulen schließen“, sagt der von Lafontaine so herzlich begrüßte Mann und spricht dabei auch für die anderen Gäste am Bistro-Tisch, die zur Bestätigung heftig nicken.

          Typischer Lafontaine-Blick: Skeptisch, Mundwinkel nach unten, Kinn nach oben
          Typischer Lafontaine-Blick: Skeptisch, Mundwinkel nach unten, Kinn nach oben : Bild: ddp

          In diesen zwei Stunden in der Saarbrücker Innenstadt wird Lafontaine zielsicher noch rund 40 seiner überwiegend älteren Bewunderer und Anhänger den Journalisten als lebenden Beweis dafür präsentieren, dass sich die Menschen nach ihm und den vermeintlich besseren Zeiten von 1976 bis 1998 zurücksehnen, als er als Oberbürgermeister und Ministerpräsident in Stadt und Land regierte. Aus Lafontaines Sicht sind dies die goldenen Jahre der saarländischen SPD gewesen, bevor sich die Sozialdemokratie dem neoliberalen Agenda-Reformkurs aus Lohndrückerei, Hartz-IV-Verarmung und Kriegstreiberei seines Intimfeindes Gerhard Schröder ausgeliefert und damit ihr Schicksal als linke Volkspartei besiegelt habe, wie er in den vergangenen Tagen in Interviews erzählte.

          Comeback als ausgemachte Sache

          Als junger Oberbürgermeister und aufsteigender Stern auch der Bundespartei eroberte der im Saarland bis heute nur „de Oskar“ gerufene Sozialdemokrat vom linken Parteiflügel aus bei der Landtagswahl 1985 nach jahrzehntelanger CDU-Vorherrschaft die Staatskanzlei am Saarbrücker Ludwigsplatz. Nimmt man die fast hundertprozentige Zustimmung der von Lafontaine angesprochenen Wähler für bare Münze, könnte man glauben, sein Comeback mit 65 Jahren als Ministerpräsident bei der Landtagswahl am 30. August sei ausgemachte Sache.

          Sicher ist indes nur eines und daran lässt Lafontaine bei seinem Rundgang über den Marktplatz keinen Zweifel: „Ohne die Linke wäre die Wahl gelaufen. Und ohne die Linke hat der SPD-Spitzenkandidat Maas keine Chance, Ministerpräsident zu werden.“ Tatsächlich hat erst das Auftauchen der von Lafontaine aus WASG und PDS geschmiedeten Linkspartei bei der Bundestagswahl 2005 und ihr dank „Oskars“ Beliebtheit überaus gutes Ergebnis an der Saar von 18 Prozent die Ausgangslage der Entscheidung am 30. August dramatisch verändert. Zunächst sah es nach Lafontaines Paukenschlag im Frühjahr 2008, noch einmal an der Saar regieren zu wollen, lange Zeit so aus, als ob es hier den ersten von der SPD mit gewählten Regierungschef der Linkspartei geben könnte. Stetig steigende Umfragewerte ließen die neue Partei im Sommer 2008 sogar mit 23 Prozent um einen Punkt die SPD überholen.

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