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Im Gespräch: Oskar Lafontaine : „Das X wird täglich größer“

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Oskar Lafontaine: „Vorwürfe, ich hätte seinerzeit gekniffen, sind Ausdruck eines schlechten Gewissens” Bild: REUTERS

Am Wochenende hat er „Die Linke“ im Saarland auf den Wahlkampf vorbereitet - die SPD bleibt ihm der liebste Gegner, seine Partei sieht er auf der Überholspur. Die Finanzmärkte bräuchten strenge Regeln, sonst gehe „die zerstörerische Spekulation unaufhaltsam weiter“, sagt der frühere Finanzminister im FAZ.NET-Gespräch.

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          Am Wochenende hat Oskar Lafontaine die Linkspartei im Saarland auf den Wahlkampf vorbereitet - die SPD ist ihm der liebste Gegner. Im FAZ.NET-Gespräch äußert sich Lafontaine zur Finanzkrise, über womöglich verpasste Chancen in seiner Zeit als Finanzminister, Peter Sodanns Verständnis von Demokratie und die Wahlchancen seiner Partei.

          Herr Lafontaine, die Finanzkrise hat alle in ihrer Vehemenz überrascht, und das Wort Teilverstaatlichung ist über Nacht in aller Munde. Wie sehr freut es Sie, dass die Forderungen, die Sie seit Jahren gegen große Widerstände erheben, jetzt auf einmal so salonfähig werden?

          Es ist für einen Politiker immer eine Genugtuung, wenn das, was er vor zehn Jahren gesagt hat und was damals von vielen belächelt wurde, heute in aller Munde ist. Nur: Das hilft letztendlich niemandem. Für mich ist deshalb nur von Interesse, ob jetzt wirklich etwas geschieht, um die schwere Finanzkrise und die sich abzeichnende Rezession einzudämmen. Und da habe ich noch meine großen Zweifel.

          Was lässt Sie so zweifeln?

          Die Stimmen, die von der Freiheit der Märkte sprechen, werden schon wieder sehr laut. Sie übersehen aber, dass Finanzmärkte keine Gütermärkte sind. Finanzmärkte brauchen strenge Regeln, sonst geht die zerstörerische Spekulation unaufhaltsam weiter.

          Welche Regeln meinen Sie?

          Wir benötigen Wechselkurse in festen Bandbreiten, eine Kontrolle des internationalen Kapitalverkehrs und die Austrocknung der Steueroasen. Außerdem müssen Rating-Agenturen öffentlich kontrolliert werden. Zudem ist eine unabhängige internationale Bankenaufsicht erforderlich. In Deutschland müssen Hedge Fonds untersagt, die Auslagerung von Risiken in Zweckgesellschaften sowie der Handel mit verbrieften Papieren verboten werden.

          In diese Richtung geht auch der französische Präsident Sarkozy mit seinem Staatsfonds, der die Schlüsselindustrien im Land schützen soll - ein richtiger Weg auch für Deutschland?

          Die Bundesregierung hat den Erwerb von Aktien durch ausländische Fonds ab 25 Prozent genehmigungspflichtig gemacht. Sarkozy geht nun einen anderen Weg - den der direkten Beteiligung. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Trotzdem bevorzugt die Linke den Weg der Belegschaftsbeteiligung. In großen Betrieben müssen die Belegschaften stärker - bis zu 49 Prozent - an dem von ihnen mitgeschaffenen Vermögen beteiligt werden. Dann hätte sich das Thema weitgehend erledigt.

          Sarkozy schlägt auch eine europäische Wirtschaftsregierung vor - zu Recht?

          Eine europäische Wirtschaftsregierung ist überfällig. Schon die Logik gebietet es, dass einer europäischen Geldpolitik endlich auch eine europäische Finanz- und Wirtschaftspolitik gegenübersteht.

          Aber all das hätten Sie doch zumindest in Teilen schon früher haben können: Als Sie Finanzminister waren, 1999, gab es einen breiten internationalen Konsens darüber, dass die Märkte stärker reguliert werden müssten - nach Meinung vieler eine historische Chance. Warum haben Sie diese Chance nicht als Finanzminister genutzt und für mehr Regulierung gekämpft, sondern Ihr Amt aufgegeben, was Ihnen heute viele vorwerfen?

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