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Wahlkampf auf Frankfurts Straßen : Darf ich Ihnen etwas mitgeben?

  • -Aktualisiert am

Stimmenfang: Die Linkspartei bringt ihre Faltblätter unter das Wahlvolk. Bild: F.A.Z. - Florian Sonntag

Der Wahlkampf findet auf den Straßen und Plätzen statt. Die Parteien haben Plastiktische und Prospekte hervorgeholt und buhlen um Stimmen. Doch nicht jede Standwache glaubt an den Erfolg ihres Tuns.

          Die Grünen haben an diesem Morgen ihre Bundesvorsitzende Claudia Roth auf die Straße geholt. Für eine Stunde steht sie neben dem Plastiktisch und dem Sonnenschirm auf dem Wochenmarkt am Südbahnhof und lächelt in die Fotokameras der Journalisten. Auf einer Bank neben ihr drehen sich kleine grüne Windräder, sie selbst hat sich einen der grünen Schals umgewickelt, die Birgit Czerny von der Stadtteilgruppe Süd für den Wahlkampf gestrickt hat. Mit gelben Fäden am Ende: „Das Äquivalent für Sonnenblumen.“ Die Vorstandssprecherin der Frankfurter Grünen, Sarah Sorge, schaut sich das Publikum auf dem Wochenmarkt an. „Rein optisch gesehen, ist das Publikum ja nicht unbedingt grün.“ Aber Claudia Roth sei auch beliebt über grüne Kreise hinaus.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Ein paar Meter entfernt flüstert ein Mann seiner Frau zu: „Nur mal gucken, wer da ist.“ Sie drehen in sicherer Entfernung einen Kreis um den Plastiktisch und verschwinden. Ein junger Mann dagegen ist von Czerny abgefangen worden. „Guck mal. Das ist Frau Roth“, sagt sie. Und schon ruft sie Roth die werbewirksame Neuigkeit zu: „Das ist ein Erstwähler.“ „Wen willst du denn wählen?“, fragt Roth. „Ich bin noch unentschlossen, aber nicht die Schwarzen. Ich bin ja bilingual erzogen worden. Da müsste ich eigentlich die Grünen wählen.“ Roth lächelt. Man dürfe kein Mitleid mit Parteien haben, die schwächeln, gibt sie dem Achtzehnjährigen mit auf den Weg. „Au revoir.“

          „Immer dieser Hass auf Ypsilanti“

          Und schon naht der Nächste. „Einen schönen guten Tag, Frau Petra Roth. Ich wähle die Grünen schon so lange“, sagt der Mann. Achtzig Jahre sei er alt und wähle stets die Grünen. „Zweitstimme“, sagt er wenig später. Dann schüttelt er den Kopf. „Aber wir schaffen es nicht. Das wird Schwarz-Gelb.“ Aber da habe er auch nichts gegen. „Der Koch hat sich ja in letzter Zeit ganz gut benommen; ach, jetzt habe ich die Frau Roth auch noch mit falschem Namen angeredet.“

          Überzeugungsarbeit: CDU-Mitglied Mark Uwe Pawlytta versucht es mit guten Worten - und Luftballons.

          Aber Roth, also die Claudia, ist längst wieder woanders, posiert mit einer Verkäuferin „Die haben alle so eine schöne grüne Schürze.“ Eine ältere Dame in Pelzmantel schüttelt den Kopf. „Tee wäre besser, als immer nur Sprüche zu klopfen.“ Immerhin gibt es Bio-Fruchtsaft-Gummibärchen. „Jetzt. Für Morgen“ steht auf einer Tüte. Und: „Am 27. 1. ist Landtagswahl.“ Die Bärchen haben schon die letzte Wahl hinter sich.

          An der Hauptwache hat die SPD ein Bierzelt aufgestellt. Auf zwei Tischen liegen Prospekte von Gernot Grumbach, Andrea Ypsilanti und Petra Tursky-Hartmann. Der Geschäftsführer der Frankfurter SPD, Andreas Heusinger von Waldegge, hat die Hände hinter dem Rücken verschränkt und blickt auf die vorbeitrottenden Passanten. „Letztes Jahr waren die Stände besser besucht“, sagt er. Aber er sei froh, dass die Sonne scheint. „Immer dieser Hass auf Ypsilanti“, schimpft derweil eine Genossin. „Darf ich Ihnen möglicherweise etwas mitgeben?“, fragt sie anschließend mal wieder. „Nur, wenn Sie mir sagen, wer Fraktionschef und wer Parteivorsitzender wird“, die Antwort. „Na, Sie wissen doch, wer es ist“, versucht es von Waldegge, „Ja, aber wer wird es? So kann ich doch nicht wählen.“

          Nein, danke nein, Kopfschütteln – nur vereinzelt nehmen Vorbeilaufende Prospekte und Kugelschreiber an. „Vor einem Jahr haben die Leute einem das Zeug noch aus den Händen gerissen“, sagt ein Genosse. Doch Waldegge gibt nicht auf. „Gekämpft wird immer, es sei denn, die Welt geht unter.“ Melancholische Trompetentöne eines Straßenmusikanten untermalen die Worte. Frank Sinatras „My Way“.

          „Die meisten haben innerlich schon gewählt“

          Einige hundert Meter entfernt hat die CDU ihren Wagen, Tische und Heizpilze auf der Freßgass’ aufgestellt. Bonbons, Eiskratzer und Taschentücher sollen die Passanten anlocken. „Darf ich Ihnen etwas mitgeben?“ Der Kreisvorsitzende der Frankfurter CDU, Boris Rhein, erhält die erwünschte Antwort. „Ja, aber meine Stimme haben Sie sowieso schon“, sagt die Dame älteren Geburtsdatums. Zwei Altersgefährtinnen lassen sich mit Taschentüchern versorgen. Doch die Menschen sind geschäftig, wenige bleiben stehen. „Und die, die kommen, haben meistens schon innerlich gewählt“, sagt Bernhard Mertens, Vorsitzender der CDU Goldstein. „Manche wollen auch die FDP. Das ist nicht gerade super, macht uns aber auch nicht unglücklich.“

          Mit Kaffee überbrücken die Wahlkämpfer die Pausen. „Darf ich Ihnen etwas mitgeben?“, fragt Rhein dann wieder. „Ja, ich hätte gern ein Wahlprogramm.“ Rhein sagt, er könne sich nicht beklagen. Die Menschen seien aufgeschlossen. „Aber ich bin skeptisch, was das Ergebnis angeht. Man muss aufpassen. Zur Euphorie gibt es keinen Anlass.“

          Die Linkspartei baut nach zwei Stunden Stimmenfang ihren Stand am Liebfrauenberg wieder ab. Das Prospekte verschwinden in den Umhängetaschen, das kleine Podest wird eingeklappt, die Luftballons, die über einem Mülleimer am Laternenmast baumeln, losgebunden. Hans-Joachim Viehl und seine Mitstreiter stellen sich der letzten Fragerin an diesem Tag. „Wer stellt sich denn bei Ihnen als Kandidat auf?“ – „Oh, das sind viele. Ich gebe Ihnen am besten ein Prospekt mit.“ – „Ach, nein. Aber noch ein Tipp: Mit den Studiengebühren sollte man die CDU angreifen. Aber man hört darüber gar nichts von Ihnen.“

          Dann ist der Wahlkampftag auf der Straße für die Linken vorüber. Am nächsten Tag werden sie wieder unterwegs sein, auf Stimmenfang. Wie alle anderen Parteien auch.

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