https://www.faz.net/-ge3-11mr9

Porträt : Der sympathischste aller als unsympathisch geltenden Politiker

  • -Aktualisiert am

Den Blick zu Boden gerichtet: Auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart im vergangenen Dezember Bild: Reuters

Auch wenn er im kleinen Kreis Ansprachen hält oder Bürger ehrt, geht sein Blick oft auf den Boden oder ins Luftleere. Auf manche Menschen wirkt das wenig herzlich, Koch gilt vielen als arrogant. Wer mit ihm näher zu tun hat, preist dagegen seine Fürsorglichkeit und Treue. Kalt scheint er keinen zu lassen.

          6 Min.

          Montag, der 19. Januar 2009, kurz vor 17 Uhr. Im Kabinettssaal der Wiesbadener Staatskanzlei stehen die Minister in lockeren Gruppen beieinander. Finanzminister Reinhard Kahl und Wirtschaftsminister Hermann Scheer reden leise über die Frage, ob nicht auch die hessische Landesregierung vielleicht ein Konjunkturprogramm gegen die Krise auflegen sollte. Wissenschaftsminister Lothar Quanz liest verärgert ein Umfrageergebnis über seinen immer noch extrem geringen Bekanntheitsgrad.

          Die beiden Grünen-Politiker im Kabinett, Kultusministerin Priska Hinz und Umweltminister Tarek Al-Wazir, tuscheln ein wenig über die Rede Andrea Ypsilantis beim Frankfurter IHK-Neujahrsempfang, bei der sie am vergangenen Donnerstag zur leisen Belustigung des Saals Kapitalrendite und Eigenkapitalrendite verwechselt hatte – da wird es still. An der Seite des Leiters der Staatskanzlei Norbert Schmitt betritt die Frau, die am 4. November mit den Stimmen von SPD, Grünen und der Linkspartei bei Enthaltung der SPD-Abgeordneten Dagmar Metzger zur Ministerpräsidentin gewählt worden war, mit einem fröhlichen Lächeln den Kabinettssaal.

          Politische Alphatiere

          So hätte es sein können. Hätten sich nicht am 3. November 2008 die SPD-Abgeordneten Silke Tesch, Carmen Everts und Jürgen Walter plötzlich der Haltung Dagmar Metzgers angeschlossen. Roland Koch blieb als geschäftsführender Ministerpräsident im Amt. Seit gestern darf er, wenn er will, dieses Amt für weitere fünf Jahre bekleiden, nein: ausfüllen. Aus seinem Leben wird man einst Dramen schreiben – Dramen von Skandal, von strahlendem Sieg, von demütigender Niederlage und vom abermaligen Aufstieg, Ende offen. Dass ausgerechnet dieser eher zurückhaltende Verstandesmensch, der selten Emotionen zeigt, seelische Belastungsproben auszuhalten hatte, die jeden Zweiten überfordern müssten, zählt zu den Launen der Geschichte. Geschichte – ist das nicht ein zu großes Wort? Nicht mehr. Seitdem Koch am 18. Januar 2009 seine Qualität als Aufstehmann unter Beweis gestellt hat, zählt der Eschborner endgültig zu jenen Nachkriegspolitikern, die man einst nennen wird.

          Er selbst muss verwundert sein über diese jüngste weitere Volte in seiner politischen Karriere. Die Monate zwischen dem 27. Januar 2008 und dem 18. Januar 2009 enthielten für den Mann aus Eschborn so viele Seelen-Kinnhaken, wie andere sie in einem ganzen Leben nicht hinnehmen müssen. Allein, dass einer wie er, von dem sehr früh gesagt wurde, er sei aus dem Stoff, aus dem man Kanzler macht, eine solch krachende Niederlage hinnehmen musste und beim Wiederanlauf auch nicht überwältigend bestätigt wurde – davon würden sich andere politische Alphatiere lange nicht erholen. Vor allem – diese Behauptung sei gewagt – hätte kein anderer CDU-Ministerpräsident eine solche Zwölf-Prozentpunkte-Katastrophe jemals überstanden. Warum Koch?

          System der Aktenführung

          Wer diese Frage beantworten will, muss den Führungsstil Kochs kennen und ein wenig in die Geschichte dieser Partei zurückblicken. Vier Jahrzehnte lang, von 1946 bis 1987, blieb die CDU in Hessen chancenlos. Bei der Landtagswahl vom 6. November 1966 war der Tiefpunkt erreicht: 26,4 Prozent, Notstand, Diaspora. Es war Alfred Dregger, der damals beschloss: So kann es nicht bleiben. Er scharte um sich eine Reihe weiterer Politiker wie Walther Leisler Kiep, Christian Schwarz-Schilling, Heinz Riesenhuber, Walter Wallmann, Manfred Kanther. Obwohl zwischen ihnen auch Konkurrenz und nicht immer die reine Liebe herrschte (Kiep und Dregger, Kanther und Wallmann konnten zum Beispiel nicht so gut miteinander), wussten alle Beteiligten, dass sie nur eine Chance hatten, wenn sie eisern zueinanderstehen würden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Traute Runde (von links): Heinz Göldner, Helmut Thümmel, Elisabet Thümmel, Dieter (Dietrich) Klos, Ursula Pischmann und Brigitta Lehmann-John.

          Serie „Besuch beim Wähler“ (5) : Hart am Wasser

          Die Senioren des Dresdner Kanusportvereins haben ihre Leidenschaft über die Zeitenwende gerettet – über Politik reden sie lieber nicht, denn da fliegen schnell die Fetzen.
          Rain Man: Robert Habeck gibt im Wahlkampf alles

          Fraktur : Und ewig währt das Kämpfen

          Das Leben ist ein ewiger Kampf, ob um Olympiagold gekämpft wird oder gegen den inneren Schweinehund. Robert Habeck kämpft sogar im durchnässten Outfit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.