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Linkspartei : Der Menschenfänger

Wir gegen die: Oskar Lafontaine in Frankfurt Bild: AP

Finanzkrise, Ypsilanti-Debakel, Opel-Flaute: Themen hatte Oskar Lafontaine für seinen Wahlkampfauftritt in Frankfurt genug. Und so geißelte er den Neoliberalismus, die „Unfähigkeit“ der übrigen Parteien - und bewies vor allem eines: dass seine Fans ihm treu ergeben sind.

          Henry Maske hätte seine helle Freude gehabt an so einem Auftritt. Angekündigt ist der Höhepunkt des Abends, ein „Starreferent“, wie die Veranstalter vollmundig verheißen. Der Platz ist hell erleuchtet, Gladiatorenmusik ertönt, und als der längst ergraute Mann schließlich die Bühne betritt, brandet Beifall auf. Ein wenig genießt Oskar Lafontaine noch den Applaus, steht da und winkt. Selbstsicher. Diese Menge, die da vor ihm steht, ist ihm sicher.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Etwa 1200 Menschen haben sich an diesem Montagabend bei der Kundgebung der Linken an der Frankfurter Konstablerwache versammelt, und ihre Mischung ist so bunt wie die politischen Projektionen, die sie mit ihrer Heilsfigur verbinden: Altlinke in Strickpullis und mit langem Haarzopf, Autonome aus der Punk-Ecke, junge Neugierige, für die Lafontaine schon so etwas wie ein Pop-Phänomen sein mag; enttäuschte Gewerkschafter.

          Sie alle sind gekommen, wegen der „Ackermänner dieser Welt“, wegen dieser Ohnmacht, die sie empfinden gegenüber einem System, das die Reichen immer reicher und das Volk immer ärmer macht. Janine Wissler hat gerade gesprochen, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im hessischen Landtag, und auch Sigmar Kleinert, Betriebsratsvorsitzender einer der DZ Bank. Doch gekommen sind sie alle wegen des Saarländers. „Die Banker, das sind doch die wahren Schmarotzer“, schreit einer, noch bevor Lafontaine zu reden beginnt, „das gesamte kapitalistische System hat doch versagt!“ Wir da unten gegen die da oben - es ist diese Empfindung, die sie auf die Straße getrieben hat an diesem kalten Abend.

          Scharfe Worte, klarer Gegner: Lafontaine bei der Linken-Kundgebung an der Frankfurter Konstablerwache

          Schuld sind die Anderen

          Und Lafontaine weiß es zu nutzen, dieses Gefühl - wer, wenn nicht er. Deshalb reicht selbst eine mittelmäßig engagierte Rede, um die Menge spätestens nach zehn Minuten hinter sich zu bringen. Ein Auftritt in Frankfurt, wo die Bankentürme wie Fanale der Finanzkrise in den Himmel ragen, wo das Ypsilanti-Debakel noch in Erinnerung und die Opel-Krise auf dem Höhepunkt ist - ein Kinderspiel ist das für ihn. 45 Minuten lang spielt Lafontaine also mit der Menge wie ein Pianist, der mit seiner Klaviatur umzugehen vermag - und vermittelt eine einfache Botschaft: Die anderen Parteien sind an allem Schuld, und wenn überhaupt, dann kann nur die Linke den Karren aus dem Dreck ziehen.

          Gegen den „neoliberalen Block“ der anderen Parteien wettert Lafontaine, die durch Hartz IV und die Ausweitung des Niedriglohnsektors Millionen Menschen in die soziale Armut getrieben hätten; die selbst Schuld an der Finanzkrise seien und nun ausgerechnet jene Manager als Helfer in der Not beriefen, die auf den Finanzmärkten das Geld der ehrlich arbeitenden Bevölkerung verzockten. „Diese Leute haben die gesetzliche Rente zerschlagen und die Menschen um ihre Alterssicherung betrogen“, ruft Lafontaine. Wieder Beifall.

          Und auch wenn der frühere Bundesfinanzminister das Rettungspaket für die Banken an anderer Stelle grundsätzlich begrüßt hat: Für Kanzlerin Angela Merkel, die am Nachmittag in Stuttgart mit klarem Ergebnis als CDU-Vorsitzende bestätigt wurde, hat er nur Häme übrig. „Sie kennt sich in solchen Dingen nun mal nicht so gut aus, auf sie kann man sich nicht verlassen“, zischt er mit beißendem Spott. Solche Botschaften kommen an beim Publikum; Beifall brandet auf, einer brüllt „Jawoll“.

          „Wirtschaftsordnung der Enteignung“

          Worauf der Zeremonienmeister seinen Tonfall noch steigert: gegen eine Erbschaftssteuer, die statt der breiten Masse nur die Milliardäre entlaste und für eine Verstaatlichung von Banken; gegen eine „Wirtschaftsordnung der Enteignung“ und für mehr Mitbestimmung in den Betrieben. Dass das nötig sei, ruft Lafontaine, sehe man doch am Beispiel der Firma Opel. Schließlich sei sie allein durch Managementfehler in die Schieflage geraten und nun abhängig von den „Lippenbekenntnissen“ des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch.

          „Asozial“ sei die herrschende Wirtschaftsordnung, und mutlos bis korrupt die herrschende Klasse. „Wir wollen kein Casino, sondern eine ordentliche Ökonomie, in der ordentlich verdient wird“, sagt der Saarländer und rekurriert gar auf die christliche Soziallehre: „Wir wollen Vermögen aus Arbeit, nicht aus Nichtstun. Das wäre endlich gerecht.“ Rhetorisch griffig ist das allemal, sicherlich. Wie eine solche gerechte Ökonomie der Linken aussähe, sagt Lafontaine allerdings nicht.

          Wir da unten gegen die da oben

          Seine Anhänger an der Konstablerwache ficht dies jedoch nicht an. Den meisten reicht schon, dass „der Oskar“ die Dinge so drastisch benennt. Wir gegen die, und gemeinsam gegen das „Establishment“ - auch gegen das in Hessen. Eine „ausgewiesene Charakterschwäche“ sei es, dass die SPD die Linke nach der gescheiterten Regierungsbildung jetzt auf einmal ablehne und den Regierungswechsel so unmöglich mache, moralisiert Lafontaine, während die Menge „Koch muss weg“ skandiert. Dabei sei es doch der Linken zu verdanken, wenn selbst „der Lügner Koch“ nun nicht mehr an eine Wiedereinführung der Studiengebühren denke. „Ich mache mir Sorgen um dieses Land. Fragen Sie sich, wer es wirklich gut mit Ihnen meint hier in Hessen“, sagt Lafontaine. Auch diese Rolle nehmen sie ihm gern ab: die des demütigen Dieners am Volk.

          Als die Philippika schließlich vorbei ist und die Menge „Oskar, Oskar“ ruft, steht Lafontaine strahlend auf der Bühne wie ein geübter Spieler, der wieder einmal gesiegt hat. Sie folgen ihm, wenn er ruft, er weiß das. Mission erfüllt.

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