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Dorothea Henzler beerbt Jürgen Banzer : Wachwechsel für Machtmenschen

Er geht - wohin, steht noch nicht fest: der CDU-Politiker Jürgen Banzer Bild: dpa

Er hat eine Kultur des Zuhörens geschaffen, wollte Kritiker „gelassen abholen“. Jürgen Banzer hat das Amt des Kultusministers gern ausgefüllt. Dass er es jetzt an Dorothea Henzler abgeben muss, schmerzt ihn.

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          Von Stern zu Schnuppe kann es schnell gehen in der Politik, das illustriert dieser Tage nicht nur der Name der ehemaligen SPD-Landesvorsitzenden Andrea Ypsilanti, deren dramatische Verblendung noch lange Wirkung zeigen wird, für deren Beweggründe sich aber heute niemand mehr interessiert. Auch das berufliche Schicksal von Jürgen Banzer (CDU), der als Noch-Justiz- und -Kultusminister und übermorgen vielleicht höchstens Umweltminister gerade vom Spielmacher zur Randfigur zu werden droht, zeigt die kurze Kurve, die Macht und Einfluss mitunter haben.

          Jacqueline Vogt
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dienstherr von 55.000 Lehrern

          „Hast du noch Spaß?“ Das soll Roland Koch seinen Parteifreund Banzer an diesem Wochenende gefragt haben, und es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, was der dem alten und neuen Ministerpräsidenten vielleicht gerne geantwortet hätte. Er sei bereit, im neuen Kabinett mitzuarbeiten, hat er dann gesagt, und auch, dass er enttäuscht darüber sei, aus dem Kultusministerium ausziehen zu müssen.

          Kennt ihr Ziel: die designierte Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP)
          Kennt ihr Ziel: die designierte Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) : Bild: Helmut Fricke

          An der Spitze des Hauses, das Hessens größter Arbeitgeber ist, steht der Wachwechsel bevor, und der Verlust eines zwar aufreibenden, aber auch prestigeträchtigen Amtes muss schmerzen: Der Kultusminister ist Dienstherr von gut 55.000 Lehrern und weit mehr als 1000 Mitarbeitern in den staatlichen Schulämtern, im Amt für Lehrerbildung, im Institut für Qualitätssicherung und im Ministerium am Wiesbadener Luisenplatz selbst.

          Aus ihren Ambitionen habe sie nie ein Geheimnis gemacht, „Banzer wusste, dass ich Kultusministerin werden möchte“, sagt Dorothea Henzler, die streitbare FDP-Politikerin, die den CDU-Mann seit vielen Jahren kennt und nun beerben wird: Die 60 Jahre alte bisherige schulpolitische Sprecherin der Liberalen im Landtag ist glücklich. Zwar hat sie mit der Tatsache, dass die Forderung nach der sogenannten Kinderschule, einem verpflichtenden Vorschuljahr, keinen Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden hat, eine kleine Schlappe hinnehmen müssen, aber sie hat einen großen Schritt auf dem Weg zu ihrem politischen Ziel, der Eigenverantwortlichkeit möglichst aller Schulen, getan.

          Spuren dorthin gelegt hatte schon Karin Wolff, ihr Nachfolger Jürgen Banzer vertiefte sie, zuletzt damit, dass er den Juristen im Landesrechnungshof abrang, dass Schulen Girokonten führen dürfen. Doch während Banzer, von dem ein prominenter Grünen-Politiker noch wenige Tage vor der Landtagswahl gesagt hat, er könne der erste konservative Minister sein, der eine liberale Schulpolitik machen werde, immer auch Rücksichten zu nehmen hatte, wird Henzler freier agieren können. Die CDU-Landtagsfraktion hat viele Mitglieder, die gerade in der Bildungspolitik auf tradierten Positionen beharren, die designierte Kultusministerin wird für ihre Vorstellungen wohl mehr Unterstützung in ihrer Partei finden.

          Es war vor allem der Ton

          „Schön war’s.“ An einem trüben Tag im vergangenen August saß Banzer, wie immer im dunklen Anzug, in einem Klassenzimmer des Lessinggymnasiums in Frankfurt, vor dem Fenster die spätsommergrünen Bäume. „Schön war’s“, das klingt heute wie ein Rückblick, aber es hieß bloß, dass der damals 53 Jahre alte Politiker echten Spaß an einem dienstlichen Termin gehabt hatte. So weit, dass er das Kultusministeramt als Traumjob bezeichnet hätte, war er öffentlich nicht gegangen. Dass er es gerne ausfüllte, hat er oft gesagt.

          Und dass er mit viel Engagement darangegangen war, die Scharten auszubügeln, die eine CDU-Bildungspolitik vor allem mit der Einführung der verkürzten Gymnasialzeit (G8) tief ins Lager der eigenen Klientel geschlagen hatte, nahm Banzer jeder ab. Ob es der politische Gegner war, der sich bald umarmt sah in einer ganz neuen Kultur des Zuhörens, Argumentierens und Gegenargumentation, ob es die Interessenverbände der Eltern oder der Lehrer waren.

          Zunächst waren die Gräben schnell wieder gezogen – alte Politik in neuer Hülle, schimpfte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, als deutlich wurde, dass auch unter einem Kultusminister Jürgen Banzer das ungeliebte Turbo-Abitur bleiben würde, was es ist, mit ein paar Änderungen zur Milderung der größten Belastungen. Bald aber mussten auch die engagiertesten Gegner des Wolffschen Schulpolitik einräumen, dass sich etwas geändert hatte, es war vor allem der Ton, und das ist nicht wenig in der ewigen Bildungsdebatte.

          Jeden, der mit dem Schulsystem etwas zu tun habe oder daran zu kritisieren, wolle er „gelassen abholen“. Das hatte Banzer im Dezember bei einer Zusammenkunft der Landesdirektorenkonferenz gesagt, und in der Kaffeepause gaben die selbstbewussten Gymnasialrektoren einander ihre Einschätzung kund, dass auf dem Ministersessel einer Platz genommen habe, der noch nicht auf alles die richtigen Antworten habe, aber denen an der Basis wenigstens Fragen stelle, statt sie mit Verordnungen einfach zu überschütten.

          An G8 wird nicht gerüttelt

          Vieles von dem, was die Dorothea Henzler sich auf die Fahnen geschrieben hat, hätte auch Banzer in Angriff genommen: In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat Henzler nun angekündigt, dass zukünftig alle Schulen, die das wollten, Hoheit über Sachmittel und Personal bekämen. An G8 wird nicht gerüttelt, wie unter Banzer nicht daran gerüttelt worden wäre, Henzler sprach aber von weiteren Nachjustierungen, die auf der Agenda stünden. Verbundenen Haupt- und Realschulen will sie freistellen, die Bildungsgänge auch inhaltlich zu verschränken, auch das hätte Banzer wohl unterschrieben, wenngleich in seiner Partei noch durchfechten müssen.

          Am Ende bleibt von einem Jahr, das Jürgen Banzer bald Kultusminister gewesen sein wird, der Eindruck von immensem Fleiß und der Fähigkeit, sich schnell in eine hochkomplexe Materie eingearbeitet zu haben. Der frühere Landrat des Hochtaunuskreises habe den Job als intellektuelle Herausforderung verstanden, heißt es aus seinem Umkreis und auch, dass er dabei mitunter vergessen habe, sich Unterstützung in den eigenen Reihen zu sichern. Aber das ist ja jetzt auch schon wieder Geschichte.

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