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Wahl-Analyse : Die Grünen mieden die Falle, die SPD tappte rein

Bild: F.A.Z.

Die SPD in Hessen gewann gerade einmal zehn von 55 Wahlkreisen direkt, verlor aber alle Direktmandate im Süden und hatte überdurchschnittliche Verluste in nahezu allen Großstädten. Ein Jahr nach ihrem größten Triumph in einer Landtagswahl seit langem ist sie nicht einmal mehr ein Schatten ihrer selbst.

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          Es sollte der Tag der hessischen CDU und ihres Vorsitzenden Roland Koch 2009 werden: Fast ein Jahr nach der für die CDU niederschmetternden Landtagswahl, in der der Abstand zwischen Union und SPD von zwanzig Prozentpunkten auf wenige Zehntel zusammengeschmolzen und es nach fünf Jahren absoluter Mehrheit nicht einmal für eine Koalition mit der FDP reichte, sollte die Schmach der „hessischen Verhältnisse“ getilgt und ein geläuterter Spitzenkandidat als Galionsfigur der bürgerlichen Mehrheit des Landes zu altem Glanz zurückfinden. In gewissem Sinn wurde es auch der Tag der hessischen CDU und ihres Vorsitzenden: Denn noch nie in der Geschichte des Landes war die bürgerliche Regierungsmehrheit im Parlament so groß wie jetzt sein wird. Und noch nie konnte die CDU fast genauso viele Stimmen auf sich vereinigen wie SPD und Grüne zusammen.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Doch das ist nur die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere liest sich so: Die CDU konnte ihren Stimmenanteil nur dank einer nochmals geringeren Wahlbeteiligung geringfügig verbessern. Absolut betrachtet hat die Union ihre dramatischen Stimmenverluste des Jahres 2008 nicht nur nicht wettgemacht, sondern im Saldo abermals 45.000 Stimmen eingebüßt. Keine Hochburg, die im vergangenen Jahr geschleift worden war, wurde zurückerobert.

          Die treuesten der Treuen

          Der Meinungsforscher Richard Hilmer von Infratest dimap ermittelte, dass der Zuspruch unter den Katholiken, den treuesten der Treuen der CDU, von 52 auf 50 Prozent sank. Wahlkreise mit einem Zweitstimmenanteil von mehr als fünfzig Prozent blieben selbst in den schwärzesten Gebieten Hessens nur ein Wunschtraum der CDU, nicht anders als absolute Mehrheiten in einzelnen Alters-, Bildungs- oder Berufsgruppen. Dramatischer noch: Einen überdurchschnittlichen Stimmenanteil erzielte die Union nach den Wahltagsbefragungen der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen nur noch unter den Senioren und den Bürgern mit niedrigem oder mittlerem Bildungsabschluss.

          Bild: F.A.Z.

          Doch was hätte am Sonntag für die CDU sprechen können, wenn es vor Jahresfrist gegen sie sprach – und umgekehrt? Schon im Januar 2008 galt die CDU den Bürgern im Vergleich mit der SPD als die kompetentere Partei auf vielen wahlentscheidenden Politikfeldern wie Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Eklatant war jedoch schon damals die Umkehrung der „hessischen Verhältnisse“ auf dem Feld der Bildungspolitik: War die Union 2003 noch mit dem Versprechen angetreten, Hessen zum „Bildungsland Nummer eins“ zu machen, vermuteten die Bürger fünf Jahre später bei der SPD mehr Sachverstand als bei der CDU. Ein Jahr geschäftsführende Regierung hat daran nichts geändert.

          Das eine Jahr hat ebenso gezeigt, dass ein sich nachdenklich und demütig gebender Ministerpräsident Koch kaum weniger polarisiert als ein hochfahrender und forscher. „Die Themen waren die gleichen, die Kompetenzzuschreibungen unverändert, die Personen dieselben“, resümierst Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. Die Folge: Wer die hessische Union vor Jahresfrist nicht wählte, der tat es zumeist auch am Sonntag nicht. Gegen den Verlust von fast 90.000 Zweitstimmen an die FDP nehmen sich die 30.000 Stimmen, die die Union nach der Wählerwanderungsbilanz von Infratest dimap von der SPD gewann, nachgerade bescheiden aus.

          Mehr als 200.000 blieben aus Enttäuschung weg

          Doch wo – wenn nicht bei der CDU – sind die Stimmen derer geblieben, die im Januar 2008 die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti wählten im Vertrauen auf ihr Versprechen, die SPD werde sich nie auf „eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit“ mit der Linkspartei einlassen? Wer damals keine der bürgerlichen Parteien wählen wollte, der tat es auch diesmal nicht, und wer vor Jahresfrist nicht die Linkspartei stärken wollte, der sah auch diesmal keinen Grund dazu. Stattliche 130.000 vormalige, von Wortbruch und selbstzerstörerischem Umgang der Sozialdemokraten untereinander abgestoßenen SPD-Wähler gaben nun den Grünen ihre Stimme – ganz so, als habe deren Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir Frau Ypsilanti nicht zur Seite gestanden bei deren Unterfangen.

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