https://www.faz.net/-ge2-11np3

Thorsten Schäfer-Gümbel : Der fröhliche Verlierer

  • -Aktualisiert am

Schlagfertig: Thorsten Schäfer-Gümbel Bild:

In Hessen zeichnet sich der SPD-Spitzenkandidat durch Galgenhumor aus. Katastrophenprognosen oder ein mieses Presse-Echo verderben Schäfer-Gümbel nicht die gute Laune. Dabei ist ihm klar, dass mehrere Wunder gleichzeitig geschehen müssen, damit er Koch ablösen kann.

          4 Min.

          Für die Jungs im Fußballtrikot ist der große Mann mit dem roten Schal und der Brille mit den kleinen Gläsern ein Champion. „Schä-fer-Güm-bel, Schä-fer-Güm-bel“, skandieren sie, als der hessische SPD-Spitzenkandidat auf sie zugeht. Er ist begleitet von Kamerateams und Fotografen und über so viel Begeisterung erstaunt. Aber der Empfang geht für Schäfer-Gümbel erfreulich weiter. „Ich möchte mich bei Ihnen bedanken im Namen der Raunheimer Jugendlichen.“ Dann überreicht der Mannschaftsbetreuer der Jugendlichen, die zumeist aus Einwandererfamilien stammen, ein rotes T-Shirt, bedruckt mit der Zahl Eins. Und der Kandidat gibt sich locker und unverkrampft. Er flachst mit den Jungs, die aufgeregt sind, weil sie mit einem Promi ins Fernsehen kommen.

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          In der südhessischen Stadt Raunheim hat etwa ein Drittel der gut 15.000 Einwohner einen „Migrationshintergrund“. Hier, im Neubaugebiet Ringstraßensiedlung, scheint die sozialdemokratische Welt in Hessen noch so wie früher; hier kann der einstige Mitarbeiter des Gießener Baudezernenten im Gespräch mit Bürgern und SPD-Lokalpolitikern über das Thema „soziale Stadterneuerung“ brillieren, über die Bedeutung von guten Bildungsangeboten für eine erfolgreiche Integrationsarbeit referieren.

          Gute Nachrichten sehe anders aus

          Nach gut einer Stunde ist der Besuch im Viertel vorbei, in dem mit Hilfe des Bundesprogramms „Soziale Stadt“ Sportplätze entstanden und triste Fassaden verschönert wurden. Aufmunternd wird Schäfer-Gümbel von seinen Gastgebern schon als nächster Ministerpräsident verabschiedet. Nimmt man die Stimmung in dieser kleinen Runde als Politbarometer für seine Chancen bei der Neuwahl des Landtags am 18. Januar, könnte man fast meinen, Amtsinhaber Roland Koch und seine CDU kämpften ebenso wie vor einem Jahr gegen eine täglich stärker werdende Sozialdemokratie.

          Doch das Gegenteil ist der Fall. In den jüngsten Umfragen wird der hessischen SPD der Absturz von 36,7 Prozent bei der letzten Landtagswahl am 27. Januar auf ein Ergebnis zwischen 23 und 26 Prozent vorausgesagt. Und Schäfer-Gümbel selbst erntete vor und nach Weihnachten vernichtende Reaktionen für seinen nicht mit der SPD-Spitze abgestimmten Vorschlag, die Milliarden für die Konjunkturpakete mal eben durch eine Zwangsanleihe bei den „Reichen“ zu finanzieren. Nachdem auch führende SPD-Linke den Vorstoß mit eisigem Schweigen bedachten, stellte Schäfer-Gümbel die von der IG Metall entliehene Idee zurück. Gute Nachrichten zur Motivation der demoralisierten Basis drei Wochen vor der Wahl sehen anders aus.

          Einen derart fröhlichen Verlierer wie Thorsten Schäfer-Gümbel aber hat die deutsche Politik wohl noch nie vor einer Wahl gesehen. Selbst der für Ironie und Gelassenheit bekannte bayerische SPD-Chef Franz Maget kann es nicht mit seinem in Bayern geborenen Parteifreund bei der heiteren Vorwegnahme einer vermutlich historischen Wahlniederlage aufnehmen. Durch Katastrophenprognosen oder ein mieses Presse-Echo lässt sich Schäfer-Gümbel die gute Laune jedenfalls auch an diesem ungemütlichen Wahlkampftag kurz vor Weihnachten nicht verderben. „Ich weiß, dass die Wetten auf mich nicht sehr groß sind. Ich sag’ dann immer, wenn man auf mich wettet, kann man sehr reich werden.“

          Er muss seinen Bekanntheitsgrad mindestens verdoppeln

          Dabei ist auch dem 39 Jahre alten Politikwissenschaftler klar, dass mehrere Wunder gleichzeitig geschehen müssen, damit er den nach der letzten Wahl eigentlich schon politisch totgesagten Koch ablösen kann. Ein kleines Wunder hat Schäfer-Gümbel immerhin bereits geschafft. Die nach seiner Nominierung geführte Debatte über sein angeblich linkisches Aussehen samt früherer altmodischer Brille hat er mit Selbstironie einen für ihn positiven Dreh gegeben.

          Zu den größeren Wundern, die bis zum 18. Januar geschehen müssen, gehört an erster Stelle, dass er seinen Bekanntheitsgrad in Hessen von derzeit etwa 33 Prozent mindestens verdoppeln muss. Ein Ziel, das Werbeprofis und Demoskopen wie Forsa-Chef Manfred Güllner für so gut wie unmöglich halten. Der Kandidat weiß, dass allein dieses Manko das Rennen für ihn fast aussichtslos macht. Per SMS und im Internet auf Portalen wie „YouTube“ und „Studi-VZ“ rückt Schäfer-Gümbel nun wie ein kontaktfreudiger Teenager den Wählern auf die Pelle.

          Bis zum 8. November war der einfache Landtagsabgeordnete Schäfer-Gümbel nur wenigen außerhalb der SPD als fleißiger Parlamentarier bekannt. Als „Meister der kleinen Anfrage“ wurde er in der CDU-Landesregierung verspottet. „Schäfer-wer?“ lautete einer der hämisch bis ratlosen Schlagzeilen am Tag nach seiner Nominierung durch die hessische SPD-Spitze. Nach der Gewissensentscheidung von vier Abgeordneten hatten die Genossen den Überraschungscoup der gescheiterten Partei- und Fraktionsvorsitzenden Andrea Ypsilanti abgenickt. Sie standen noch unter Schock. Und die gewesene Spitzenkandidatin hatte nach ihrem Fiasko am 3. November immerhin das Einsehen, dass ein abermaliges Antreten die hessische SPD zum „Projekt 18“ machen würde.

          „Der Fehler war der Wortbruch

          Doch statt wie von fast allen erwartet schlug Frau Ypsilanti nicht ihren Stellvertreter, den nordhessischen SPD-Chef Manfred Schaub, als neuen Spitzenkandidaten vor. Er hatte ihr mit der schwachen Begründung abgesagt, als Bürgermeister von Baunatal könne er nur selten präsent in der Landeshauptstadt Wiesbaden sein. Weitaus plausibler klingt da eher die intern kolportierte Version, dass Schaub weder Zählkandidat noch König ohne Land in der SPD sein wollte.

          Beides ist nun Schäfer-Gümbel, der zum Beraterkreis Ypsilantis im vergangenen Wahlkampf gehörte. Anders als auch von vielen enttäuschten SPD-Anhängern erhofft, hält Frau Ypsilanti am Vorsitz von Partei und Fraktion fest. Zwar lässt sich ihre Ankündigung auf dem Landesparteitag in Alsfeld, die Verantwortung für das Wahlergebnis zu übernehmen, als Rückzug auf Raten interpretieren. Doch solange sie beide Spitzenämter besetzt hält, haftet an Schäfer-Gümbel das Etikett ihres Statthalters. „Wo Schäfer-Gümbel draufsteht, ist Ypsilanti drin“, lautet denn auch das Wahlkampf-Mantra Roland Kochs. Zwar hat sich Schäfer-Gümbel seit seiner Nominierung für hessische SPD-Verhältnisse erstaunlich weit von seiner Chefin emanzipiert. So nannte er es als den eigentlichen Fehler der SPD, das von Frau Ypsilanti gegebene Wahlkampfversprechen gebrochen zu haben, niemals mit der Linkspartei zusammenzuarbeiten: „Der Fehler war der Wortbruch.“ Ein wirklicher Bruch mit der fatalen SPD-Politik der vergangenen elf Monate wäre jedoch auch nach Ansicht vieler Genossen Frau Ypsilantis Rücktritt gewesen.

          „Einem verzagten Arsch entfährt kein fröhlicher Furz

          Der Spitzenkandidat selbst sieht seiner politischen Zukunft erst nach dem 18. Januar entgegen. Realistischerweise nicht als Ministerpräsident, sondern als Nummer eins der hessischen Oppositionspartei SPD – und zwar mit Fraktions- und Parteivorsitz. Denn die Übernahme beider Ämter, besonders im Falle einer krachenden Wahlniederlage, hat er, wie es in der SPD heißt, von Frau Ypsilanti als Preis für das Himmelfahrtskommando Spitzenkandidatur eingefordert. Ein miserables Wahlergebnis von um die 26 Prozent ginge vollständig auf ihr Konto und das ihrer Truppe.

          Problematisch könnte es indes für Schäfer-Gümbel werden, wenn die SPD unter 25 oder gar 20 Prozent stürzt. Dann dürfte sich noch am Wahlabend die Frage auch nach seiner Mitverantwortung stellen. Der Kandidat und frühere Katholik, der vor Jahren zum evangelischen Glauben konvertiert ist, hält es da mit Martin Luther: „Einem verzagten Arsch entfährt kein fröhlicher Furz.“ Mit diesem Ratschlag hatte schon Gerhard Schröder in scheinbar aussichtsloser Lage seine Partei 2002 in den Wahlkampf gegen Edmund Stoiber geschickt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klopp unterliegt Tuchel : „Das ist ein schwerer Schlag“

          Thomas Tuchel gewinnt auch in Liverpool und baut seine starke Bilanz bei Chelsea aus. Für Jürgen Klopp spitzt sich die Krise immer mehr zu. Der Frust ist groß nach dem deutschen Trainer-Duell.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.