https://www.faz.net/-ge2-11np3

Thorsten Schäfer-Gümbel : Der fröhliche Verlierer

  • -Aktualisiert am

Zu den größeren Wundern, die bis zum 18. Januar geschehen müssen, gehört an erster Stelle, dass er seinen Bekanntheitsgrad in Hessen von derzeit etwa 33 Prozent mindestens verdoppeln muss. Ein Ziel, das Werbeprofis und Demoskopen wie Forsa-Chef Manfred Güllner für so gut wie unmöglich halten. Der Kandidat weiß, dass allein dieses Manko das Rennen für ihn fast aussichtslos macht. Per SMS und im Internet auf Portalen wie „YouTube“ und „Studi-VZ“ rückt Schäfer-Gümbel nun wie ein kontaktfreudiger Teenager den Wählern auf die Pelle.

Bis zum 8. November war der einfache Landtagsabgeordnete Schäfer-Gümbel nur wenigen außerhalb der SPD als fleißiger Parlamentarier bekannt. Als „Meister der kleinen Anfrage“ wurde er in der CDU-Landesregierung verspottet. „Schäfer-wer?“ lautete einer der hämisch bis ratlosen Schlagzeilen am Tag nach seiner Nominierung durch die hessische SPD-Spitze. Nach der Gewissensentscheidung von vier Abgeordneten hatten die Genossen den Überraschungscoup der gescheiterten Partei- und Fraktionsvorsitzenden Andrea Ypsilanti abgenickt. Sie standen noch unter Schock. Und die gewesene Spitzenkandidatin hatte nach ihrem Fiasko am 3. November immerhin das Einsehen, dass ein abermaliges Antreten die hessische SPD zum „Projekt 18“ machen würde.

„Der Fehler war der Wortbruch

Doch statt wie von fast allen erwartet schlug Frau Ypsilanti nicht ihren Stellvertreter, den nordhessischen SPD-Chef Manfred Schaub, als neuen Spitzenkandidaten vor. Er hatte ihr mit der schwachen Begründung abgesagt, als Bürgermeister von Baunatal könne er nur selten präsent in der Landeshauptstadt Wiesbaden sein. Weitaus plausibler klingt da eher die intern kolportierte Version, dass Schaub weder Zählkandidat noch König ohne Land in der SPD sein wollte.

Beides ist nun Schäfer-Gümbel, der zum Beraterkreis Ypsilantis im vergangenen Wahlkampf gehörte. Anders als auch von vielen enttäuschten SPD-Anhängern erhofft, hält Frau Ypsilanti am Vorsitz von Partei und Fraktion fest. Zwar lässt sich ihre Ankündigung auf dem Landesparteitag in Alsfeld, die Verantwortung für das Wahlergebnis zu übernehmen, als Rückzug auf Raten interpretieren. Doch solange sie beide Spitzenämter besetzt hält, haftet an Schäfer-Gümbel das Etikett ihres Statthalters. „Wo Schäfer-Gümbel draufsteht, ist Ypsilanti drin“, lautet denn auch das Wahlkampf-Mantra Roland Kochs. Zwar hat sich Schäfer-Gümbel seit seiner Nominierung für hessische SPD-Verhältnisse erstaunlich weit von seiner Chefin emanzipiert. So nannte er es als den eigentlichen Fehler der SPD, das von Frau Ypsilanti gegebene Wahlkampfversprechen gebrochen zu haben, niemals mit der Linkspartei zusammenzuarbeiten: „Der Fehler war der Wortbruch.“ Ein wirklicher Bruch mit der fatalen SPD-Politik der vergangenen elf Monate wäre jedoch auch nach Ansicht vieler Genossen Frau Ypsilantis Rücktritt gewesen.

„Einem verzagten Arsch entfährt kein fröhlicher Furz

Der Spitzenkandidat selbst sieht seiner politischen Zukunft erst nach dem 18. Januar entgegen. Realistischerweise nicht als Ministerpräsident, sondern als Nummer eins der hessischen Oppositionspartei SPD – und zwar mit Fraktions- und Parteivorsitz. Denn die Übernahme beider Ämter, besonders im Falle einer krachenden Wahlniederlage, hat er, wie es in der SPD heißt, von Frau Ypsilanti als Preis für das Himmelfahrtskommando Spitzenkandidatur eingefordert. Ein miserables Wahlergebnis von um die 26 Prozent ginge vollständig auf ihr Konto und das ihrer Truppe.

Problematisch könnte es indes für Schäfer-Gümbel werden, wenn die SPD unter 25 oder gar 20 Prozent stürzt. Dann dürfte sich noch am Wahlabend die Frage auch nach seiner Mitverantwortung stellen. Der Kandidat und frühere Katholik, der vor Jahren zum evangelischen Glauben konvertiert ist, hält es da mit Martin Luther: „Einem verzagten Arsch entfährt kein fröhlicher Furz.“ Mit diesem Ratschlag hatte schon Gerhard Schröder in scheinbar aussichtsloser Lage seine Partei 2002 in den Wahlkampf gegen Edmund Stoiber geschickt.

Weitere Themen

Lockdown-Verlängerung bis 28. März Video-Seite öffnen

Mit Lockerungen : Lockdown-Verlängerung bis 28. März

Bund und Länder steuern auf eine teilweise Lockerung der Kontaktbeschränkungen und eine schrittweise Öffnung verschiedener Bereiche wie Handel, Kultur und Sport zu.

Topmeldungen

Die Kontaktverfolgung per Smartphone-App wird in Deutschland bislang noch durch eine zu geringe Teilnahme der Bevölkerung behindert.

Netzwerkstudie : Wie Kontaktverfolgung effizient funktionieren kann

Die Kontaktverfolgung hat sich hierzulande bislang nicht als besonders wirksames Werkzeug zur Pandemiekontrolle erwiesen. Netzwerkforscher schlagen nun eine Strategie vor, die deren Erfolg verbessern könnte.
In einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Neuburg erhalten zwei Senioren die erste Corona-Schutzimpfung.

Entwurf aus Spahns Ministerium : Auch Hausärzte sollen impfen

Spätestens von Ende April an sollen auch Hausärzte eine Covid-19-Impfung verabreichen dürfen. Das sieht ein Papier des Gesundheitsministeriums vor, das der F.A.Z. vorliegt. Abweichungen von der Impfreihenfolge sollen aber weiter nicht erlaubt sein.

Boris Johnson und die BBC : Ist das ein Kulturkrieg?

Die BBC erlebt schwere Zeiten. Die Regierung von Boris Johnson rückt dem Sender auf den Leib. Angeblich geht es um eine Reform. Doch manche fürchten Schlimmeres.
Nach dem 0:1 im prestigeträchtigen Stadtderby gegen St. Pauli: Beim HSV liegen die Nerven blank.

Nach Debakel im Derby : Die große Furcht des HSV

Wie immer: Kurz vor dem Frühjahr werden beim HSV die Punkte knapp. Trainer Daniel Thioune verspricht nach der ganz späten Derby-Pleite gegen St. Pauli Antworten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.