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Roland Koch : Alles auf null?

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Roland Koch ist wiederhergestellt. Doch der Partei und ihrem Vorsitzenden stecken 18 Monate Dauerwahlkampf in den Knochen: 2008 war nichts anderes als ein ständiges Lauern, Manövrieren, Taktieren und Kontern. Wie soll es weitergehen?

          5 Min.

          Seinen 50. Geburtstag beging Roland Koch in schwierigen Zeiten. Die Landtagswahl hatte er vermasselt, er war nur noch geschäftsführender Ministerpräsident, ein Alpha-Tier an der Leine eines Parlaments ohne klare Mehrheit. Als er Mitte April in Wiesbaden zur Feier einlud, zeigte er sich demütig: „Ich will, dass wir diese Dinge in Hessen in Ordnung bringen.“ Jetzt kann er seiner Hessen-CDU Vollzug melden. Doch was nun? Alles zurück auf null? Das vergangene Jahr aus der Erinnerung streichen? Einfach weiter so – als wäre nichts gewesen?

          Majid Sattar
          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Roland Koch ist wiederhergestellt. Doch hinter ihm liegt ein Jahr, das seine Spuren hinterlassen hat. Angeblich ist es ein kurzer Wahlkampf gewesen, nach dem zweiten gescheiterten Versuch Andrea Ypsilantis, mit einem Linksbündnis in die Staatskanzlei einzuziehen. Ein Wahlkampf, der das Gegenteil des vorherigen war, ohne Überraschungen, ohne Polarisierung, ohne offene Fragen: wirklich wieder Koch. Tatsächlich aber stecken ihm und den Seinen 18 Monate Dauerwahlkampf in den Knochen. 2008 war nichts anderes als ein ständiges Lauern, Manövrieren, Taktieren, Kontern und Gegenkontern.

          Staatskanzlei besenrein zur Übergabe

          Davon zeugt auch das Büro seines Regierungssprechers Dirk Metz, in dem immer noch ein paar Kisten stehen, die er noch nicht wieder geleert hat, Kisten, die Anfang November gepackt worden waren, bevor Andrea Ypsilanti ein zweites Mal vor die Wand rannte. Natürlich wusste Koch von einigen in der SPD-Fraktion, die arge Zweifel am Linkskurs hegten, aber er wusste auch von einer Probeabstimmung, in der die Mehrheit stand. So war die Staatskanzlei besenrein zur Übergabe.

          Alles wieder auf Anfang? Roland Koch am Freitag zum Wahlkampfabschluss in der Frankfurter Jahrhunderthalle
          Alles wieder auf Anfang? Roland Koch am Freitag zum Wahlkampfabschluss in der Frankfurter Jahrhunderthalle : Bild: ©Helmut Fricke

          Kochs Zimmer ist längst wieder eingerichtet: Die grünen Bände der Verfassungsgerichtsurteile stehen wieder stolz in ihren Regalen, und auch das Bild, das er vor Jahren der Malerin Ruth Wagner (im Nebenberuf einst seine stellvertretende Ministerpräsidentin) abgekauft hatte, hängt wieder an der Wand. Er könnte sich nun zurücklehnen an seinem Schreibtisch, gekleidet in seiner dunkelblauen Strickjacke, die sich nur dem Umfang nach von der Helmut Kohls unterscheidet. Im Nachhinein lässt sich vieles rationalisieren: Seine CDU, die hessische Kampftruppe, stand zu ihm, auch Angela Merkel und die FDP unter Jörg-Uwe Hahn, wie schon im Jahr 2000 während der Spendenaffäre – und den Rest erledigte Andrea Ypsilanti ganz allein.

          Letzte Chance, die eigene Haut zu retten

          Ganz so einfach ist es nicht. Ja, seine CDU stand Gewehr bei Fuß, damals, als die Führungsriege im nordhessischen Bad Wildungen in Klausur ging und eine schonungslose Wahlanalyse betrieb: die schnoddrige Gymnasialreform, die schmuddelige Ausländerkampagne, die irritierenden Signale Klinikprivatisierung einerseits, staatlicher Schlösserkauf andererseits und einiges mehr. Nichts wurde ausgelassen – hinter verschlossenen Türen. Und nichts drang nach draußen. Das war nicht nur die Folge der Ehrerbietung für den Kampftruppenleiter, der später einmal sagte, der Zerfall seiner Partei sei ein richtiges Risiko gewesen.

          Es war die letzte Chance, aus einem nur geschäftsführenden Regierungschef wieder einen richtigen zu machen – und so die eigene Haut zu retten. Und die Bundesvorsitzende? Im Herbst 2005 hatte Angela Merkel in der Bundestagswahl ein Debakel erlebt – und Koch hatte nicht getan, was ihm einige zugetraut hatten. Manche in Wiesbaden sagen, ohne Koch wäre Frau Merkel nicht Kanzlerin einer großen Koalition geworden. In Hannover und in Düsseldorf sieht das mancher ein wenig anders.

          Eine Hand wäscht die andere (nicht)

          Jedenfalls tat Frau Merkel es Koch nun, nach der verdorbenen Hessen-Wahl, gleich. Es ist sicher nicht falsch, darauf zu verweisen, dass er, der Machtpolitiker, nun ungefährlicher geworden war. Und der Sachpolitiker Koch war später im Jahr, das sich als veritables Krisenjahr erweisen sollte, in der Partei Ludwig Erhards gefragter denn je. So fügten sich die Dinge. Dass er auf dem CDU-Bundesparteitag im vergangenen Dezember in Stuttgart mit dem besten Stellvertreterergebnis ausgestattet wurde, war ebenfalls nicht Ausdruck grenzenloser Liebe unter den Delegierten, sondern folgte den Gesetzmäßigkeiten einer Partei in Wahlkampfzeiten.

          Und Hahn? Gewiss, beide sind uralte Freunde, sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Indes: Welch andere Option hätte der FDP-Vorsitzende auch gehabt? Eine Ampelkoalition in Wiesbaden hätte längerfristiger Pläne seines Bundesvorsitzenden Guido Westerwelle durchkreuzt.

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