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Fakten zur Krise : Europa in Zahlen

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Bild: F.A.Z.

Am Sonntag ist Europawahl. Höchste Zeit, sich die Europäische Union einmal ganz genau anzugucken. Welcher der 27 Mitgliedsstaaten wächst, welcher schrumpft? Wo gibt es die meisten Raucher? All das klärt unsere Europakarte.

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          Heute ist Europawahl. Höchste Zeit, sich die Europäische Union einmal ganz genau anzugucken. Welcher der 27 Mitgliedsstaaten wächst, welcher schrumpft? Wo gibt es die meisten Raucher? All das klärt unsrer Europakarte. Aber auch die harten fakten zur Krise kommen nicht zu kurz.

          Wo die Krise zuschlägt

          Wirtschaftskrisen der besonderen Art lassen sich am besten an Zahlen ablesen, zum Beispiel an den jüngsten Auftragseingängen der Industrie. Diese machen noch keine Hoffnung für Europa. Besonders hart hat es im März Bulgarien und Slowenien getroffen. Sie hatten mehr als 40 Prozent weniger Aufträge als im Vorjahr. Die meisten anderen EU-Länder mussten 20 bis 30 Prozent Minus hinnehmen. Nur Portugal und Dänemark erhielten sogar mehr Aufträge als im März 2008.

          Bei solch schlechten Aussichten für die Industrie ist es nicht überraschend, dass auch die Aussichten auf Wachstum in diesem Jahr für fast alle schlecht sind. Eurostat, das Statistikamt der EU, erwartet, dass nur ein einziges Land 2009 wächst: die kleine Republik Zypern, die erst seit 2004 in der EU ist und mit der es seitdem stetig aufwärts ging. Immerhin 0,3 Prozent Wachstum sagt Eurostat für Zypern voraus. Für Deutschland ist das Amt zwar pessimistisch, aber doch weniger als die hiesigen Konjunkturforscher: Um 5,4 Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt einbrechen, sagt Eurostat. Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen haben die schlechteste Prognose, sie sollen um mehr als zehn Prozent schrumpfen.

          Es ist auch das Baltikum, in dem die Arbeitslosigkeit im vergangenen Jahr am schnellsten gestiegen ist. In Litauen hat sie sich binnen zwölf Monate beinahe vervierfacht und stieg von 4,3 auf 16,8 Prozent. Rund dreimal so viel Arbeitslose wie vor einem Jahr haben Lettland und Estland. Im Westen sorgt Spanien für Negativrekorde. Hier hat die eigene Immobilienkrise direkt auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen. Von 10 Prozent im April 2008 stieg die Arbeitslosenquote innerhalb eines Jahres auf 18,1 Prozent, den höchsten Wert der gesamten EU. Katastrophal sieht es dort insbesondere für Jugendliche aus. Mehr als ein Drittel der Spanier unter 25 Jahren haben keinen Job.

          In Deutschland ist die Beschäftigung hingegen noch relativ stabil. Das liegt wohl vor allem daran, dass viele Betriebe ihre Mitarbeiter erst einmal in Kurzarbeit schicken, bevor sie über Entlassungen entscheiden. Das Land, dessen arbeitende Bevölkerung noch am wenigsten von der Krise merkt, ist laut Eurostat unser westlicher Nachbar: die Niederlande. Gerade einmal drei Prozent der Arbeitswilligen dort haben keinen Job - der Positivrekord in der EU.

          Besonders schnell wurden Großbritannien und Irland vom Bankencrash getroffen. Das lässt sich an der Staatsverschuldung ablesen. So haben die Länder 2008 die höchsten öffentlichen Defizite der Europäischen Union angehäuft. Der irische Staat sorgte 2008 für ein Minus in Höhe von 7,1 Prozent des BIP in der Staatskasse, Großbritannien lag mit minus 5,5 Prozent an zweiter Stelle. Anderen Ländern ging es zu der Zeit noch gut. Finnland, Dänemark, Luxemburg, Schweden, Bulgarien, die Niederlande und Zypern bauten ihre Schulden sogar ab.

          Große Unterschiede zeigen sich auch darin, wie die EU-Regierungen mit der schlechten Wirtschaftslage umgehen. Wenn man die Zahlen der 27 Mitgliedstaaten kennt, ist das zum Teil wenig überraschend. So braucht man bloß zu wissen, dass Italien das am höchsten verschuldete Land der EU ist, um zu begreifen, wieso von dort kaum große Konjunkturprogramme kommen. Nach Berechnungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung geben die Deutschen mit ihren zwei Konjunkturpaketen in der EU am meisten für die Stabilisierung ihrer Wirtschaft aus. Es folgen Österreich, Spanien und Großbritannien mit jeweils mehr als einem Prozent des BIP. Die Inhalte der Pakete unterscheiden sich deutlich. Während die Österreicher, die Briten und die Niederländer laut RWI vor allem Steuern senken, vertrauen die Spanier und Franzosen eher auf öffentliche Investitionen. Die Deutschen gehen einen Mittelweg und vermischen alle möglichen Mittel.

          Wo es zuerst bergauf geht

          Noch darbt die Industrie, und vielerorts fangen die Entlassungen jetzt erst an. Doch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) blickt schon weit in die Zukunft. Vier seiner Wissenschaftler haben untersucht, welches Land in Europa am besten gerüstet ist, um nach der Krise wieder in Schwung zu kommen. Die zentrale Frage der Studie „Einstiegsmonitor Europa“ lautet: Wie gut und schnell gelingt der Einstieg in Arbeit für diejenigen, die nach der Arbeitslosigkeit oder Familienpause zurückwollen in den Job oder die nach Schule und Studium den ersten Job suchen?

          Ganz vorne liegt dabei nicht etwa - wie beim arbeitgebernahen Institut zu erwarten - Großbritannien mit seinem geringen Kündigungsschutz. Gewinner sind die skandinavischen Länder: Dänemark, gefolgt von Finnland und Schweden. „Es ist davon auszugehen, dass diese Länder sich nach der Krise am schnellsten wieder erholen“, sagt Oliver Stettes, einer der Autoren der Studie. Für Deutschland stünden die Chancen auch noch ganz gut, es bewegt sich im Mittelfeld. Abgeschlagen sind hingegen Portugal, Polen und Italien.

          Die Forscher haben die Länder nach drei Kriterien untersucht: Wie leicht gelingt der Zugang zu Arbeit? Wie sind die Aufstiegschancen, wenn man im Job ist? Und wie gut lässt sich Bildung erlangen, die Voraussetzung für Qualifikation und damit den Einstieg in Arbeit? Gerade im Punkt Bildung haben die Skandinavier sehr gut abgeschnitten, aber auch die hohe Erwerbsquote von Frauen trug zu ihrem Erfolg in der Studie bei.

          Das Ergebnis kann nach Ansicht der Forscher für Deutschland nun in mehrere Richtungen weisen. „Wir können unseren Arbeitsmarkt deregulieren, um den Zugang zu Arbeit zu erleichtern“, sagt Stettes. „Aber wir können auch die Menschen bestmöglich qualifizieren oder gute Kinderbetreuung anbieten. Auch damit schaffen wir gute Bedingungen, um nach der Krise mehr Menschen in Arbeit zu bringen.“

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