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Daniel Cohn-Bendit : Der grüne Bastard

Spitzenkandidat der franözischen Grünen bei der EU-Wahl: der Frankfurter Daniel Cohn-Bendit Bild: AFP

Er ist Europas bekanntester Grüner. 2004 war Daniel Cohn-Bendit deutscher Spitzenkandidat, jetzt führt er die französischen Grünen an. Ein Wanderer zwischen den Welten. - Serie zur Europawahl.

          Dany kommt nach Kassel. Aber Kassel kommt nicht zu Dany. Gerade einmal 20 Politikstudenten verlieren sich an diesem Morgen in der mit Sperrmüll-Möbeln ausgestatteten dunklen Halle am Rande des Campus, die sich hochstaplerisch Kulturzentrum nennt. Als Daniel Cohn-Bendit damals, im Mai 1968, Frankreich in Aufruhr versetzte und Staatspräsident de Gaulle das Fürchten lehrte, waren diese jungen Menschen noch lange nicht geboren. Doch auch sie erliegen dem Zauber des Revolutionärs, der sich zum Politiker gewandelt hat. Dany, wie der Fraktionschef der Grünen im Europaparlament von Freunden und Parteimitgliedern genannt wird, reißt noch immer mit - selbst diese Nachgeborenen, deren Großvater er sein könnte.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          20 Zuhörer, das ist eigentlich keine Kulisse für Cohn-Bendit. Er ist anderes gewöhnt. Während der vergangenen Wochen hat er jeden Tag vor großem Publikum geredet: 500 Anhänger und Neugierige in Nizza, 1500 in Toulouse, 2000 in Nantes und vermutlich 5000 am 3. Juni bei der Wahlkampf-Abschlussveranstaltung der französischen Allianz „Europe Ecology“ in der Zenith-Halle in Paris. „Dany le Rouge“ ist eine Legende in Frankreich, immer noch. Jeder kennt dort seinen Namen, jeder weiß, dass er im heißen Mai 68 ein Anführer war, so gefürchtet von der Regierung, dass diese ihn im Oktober 68 nach Deutschland auswies. Seine Legende konnten die Staatsoberen freilich nicht verbannen. Wie oft ist es ihm schon in den vergangenen Jahren passiert, dass er auf einem französischen Marktplatz spontan von Passanten zu einem Glas Wein oder einem Bier eingeladen wurde. „Dany le Rouge“ genießt Respekt - selbst bei seinen politischen Gegnern.

          Dany und das „Wunder vom Rhein“

          Der rote Dany ist freilich nicht mehr besonders rot. Das Rot seines Haarschopfes mutierte mehr und mehr zu Grau, das Rot seiner politischen Überzeugung zu Grün. Geblieben ist die ansteckende Begeisterung, mit der Cohn-Bendit seine Sache vertritt. Steht er vor Menschen, kommt er immer auf Betriebstemperatur - und die ist bei ihm hoch. Auch vor 20 Studenten in Kassel. Der Achtundsechziger-Veteran spricht von Wundern. Zuerst vom „Wunder vom Rhein“. Hätte er in seinem Geburtsjahr 1945 wundersamerweise sprechen können und seinen Eltern, einem aus Deutschland emigrierten Juden und einer jüdischen Französin, prophezeit, der Rhein werde fünf Jahrzehnte später keine von Soldaten streng bewachte Grenze zwischen zwei Erbfeinden mehr sein, sie hätten ihn wohl für verrückt erklärt. Diesem ersten Wunder lässt Cohn-Bendit ein zweites folgen, das „Wunder von der Oder“, ermöglicht durch die friedliche Revolution in der DDR und den anderen kommunistisch beherrschten Ostblockstaaten. Beide Wunder seien Früchte der europäischen Einigung. Europa als Garant von Frieden und Freiheit - anders würden es auch Helmut Kohl und Angela Merkel nicht sagen.

          Das waren Zeiten: Cohn-Bendit bei seinem gescheiterten Einreiseversuch nach Frankreich am 24. Mai 1968

          Nach der Europawahl vom 7. Juni werden die Grünen in Frankreich vielleicht von einem Dany-Wunder sprechen. Denn ihr grüner Vormann mit Wohnsitz in Frankfurt hat es geschafft, die desolaten französischen Grünen, die den Einzug ins Europa-Parlament zu verpassen drohten, wieder zu einer selbstbewussten Partei zu machen, die derzeit in den Umfragen deutlich über der Marke von zehn Prozent liegt. Schon 1999 hat „Dany le Rouge“ den französischen Grünen als Spitzenkandidat bei den Europawahlen zu einem Erfolg verholfen: Cohn-Bendit holte in Paris 17 Prozent der Stimmen, „Les Verts“ errangen landesweit 9,7 Prozent.

          „Dany, du musst wieder kandidieren“

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