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Wahlprogramme in „Leichter Sprache“ : Wir machen Klima

  • -Aktualisiert am
So veranschaulicht das Wörterbuch für Leichte Sprache den Begriff „Gesellschaft” - und die Parteien tun es ihm nach
          2 Min.

          Eine strahlende Glühbirne, ein Stapel 50-Euro-Scheine, junge Männer, die eine Bettdecke glattziehen – „Das Wahl-Programm für die Bundes-Tags-Wahl von CDU und CSU“ ist illustriert wie ein Kindersachbuch: keine Fotos, stattdessen einfache, konkrete Bilder. Erstaunlicherweise finden sich die gleichen Bilder auch im „Wahl-Programm für die Bundes-Tags-Wahl 2009 von Bündnis 90/Die Grünen“ wieder, und auch SPD und Linke warten in ihren Wahlprogrammen mit den schlichten kleinen Bildern auf. Und noch etwas haben diese vier so uniform illustrierten Wahlprogramme gemeinsam – eine knappe, etwas überraschende Vorbemerkung: „Das sind die wichtigsten Dinge aus dem Wahl-Programm in Leichter Sprache. Aber nur das Original-Wahlprogramm ist wirklich gültig.“

          Wie auch immer es um die Gültigkeit von Original-Wahlprogrammen tatsächlich bestellt sein mag, bemerkenswert ist, dass in diesem Bundestagswahlkampf „Leichte Sprache“ einen Siegeszug angetreten hat. Was vor wenigen Jahren auf Internetseiten von Behindertenorganisationen und Selbsthilfegruppen entwickelt wurde, um die Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit geistigen Behinderungen und Lernbehinderungen zu verbessern, ist mittlerweile als eigenständiges Kommunikationsmittel anerkannt – wenngleich das Bemühen der Parteien, eigene kreative Lösungen zu schaffen, noch nicht besonders groß ist.

          Entlarvend

          Die Parteien haben nicht nur den einfachen und kostengünstigen Weg gewählt, die Illustrationen alle aus der gleichen Quelle – dem neuen Wörterbuch für „Leichte Sprache“ – zu schöpfen. Sie haben auch allesamt die Organisation „Mensch zuerst“ damit beauftragt, die in „schwerer Sprache“ verfassten Wahlprogramme in „Leichte Sprache“ zu übersetzen – nur „Die Linke“ hat die Übersetzungsarbeit aus dem alltäglichen Jargon, in dem es Maximalrenditen, Militärinterventionen und Finanzkrisen gibt, selbst versucht. „Das Wort 'Finanz' hat mit Geld zu tun. Manche Banken haben kein Geld mehr. Die großen Firmen und Fabriken brauchen Geld von der Bank. Ohne Geld können die Firmen nicht arbeiten. Der Grund für die Krise ist: Keiner hat die Banken richtig kontrolliert. Alle haben immer nur an ihren eigenen Vorteil gedacht.“ „Leichte Sprache“, so zeigt das Beispiel, ist nicht zwingend besser verständlich, lässt die Schlichtheit der zugrundeliegenden Gedanken aber bisweilen offener zutage treten.

          Dem Einsatz von „Leichter Sprache“ liegt die Überlegung zugrunde, dass nicht nur Lautsprache eine Barriere für Gehörlose und Schwarzschrift ein Hindernis für Blinde darstellt. Auch die Verwendung schwieriger Begriffe und Satzkonstruktionen verstellt Menschen den Zugang zu Informationen. Das Netzwerk Leichte Sprache, zu dem auch mehrere Übersetzungsbüros gehören, hat einen Regelkatalog für diese Form barrierefreier Kommunikation aufgestellt, der verlangt: kurze Sätze, keine Fremdwörter, Erklärung schwieriger Wörter und aktive Formulierungen mit vielen Verben und wenig Substantiven. Die Förderer der „Leichten Sprache“ haben allerdings auch dem Genitiv und dem Konjunktiv den Kampf angesagt. Metaphern mögen sie auch nicht. Dafür schätzen sie einfache Wörter wie „tun“, „machen“ und „sein“.

          Nichts für die Liberalen

          „Autos machen viele Abgase. Deswegen sollen mehr Züge fahren“, verlangt daher die SPD. Die CDU/CSU engagiert sich gegen Abgase und für Zertifikate: „Alle Länder in Europa zusammen dürfen nur eine bestimmte Menge Abgase machen. Wer mehr Abgase macht, muss dafür bezahlen. Wer weniger Abgase macht, bekommt Geld dafür.“ Die Grünen setzen den Akzent globaler und konzentrieren sich darauf, dem Klimawandel den Kampf anzusagen: „Das Wetter auf der ganzen Welt nennen wir Klima. Durch die Abgase wird es immer wärmer. Dadurch tauen die Eis-Berge. Dann haben die Meere zu viel Wasser. Und es gibt Hoch-Wasser.“

          Allein die FDP hat die auf Barrierefreiheit gestellten Zeichen der modernen Kommunikationszeit nicht verstanden und auf die Frage der F.A.Z. nach einem Wahlprogramm in „Leichter Sprache“ mitgeteilt, dass es ein gedrucktes Programm zwar nicht gebe, aber: „Zurzeit ist ein Video in Arbeit, welches die Politik der FDP und das Wahlprogramm im Hinblick auf die Bundestagswahl in kindgerechter Form darstellen soll.“ Während Kinder aber nicht wählen dürfen, können die meisten der Menschen mit Lernbehinderungen und geistigen Behinderungen durchaus ihre Stimme einsetzen.

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