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Wahlkampf : Nehmt uns endlich ernst!

Satiren tendieren dazu, von der Wirklichkeit eingeholt zu werden: Kinoplakat zu Hape Kerkelings Film Bild: dpa

Ist das wirklich ein Wahlkampf - oder ist es der Plan aller Parteien, die Wahlbeteiligung unter fünfzig Prozent zu senken? Oder warum sprechen die Kanzlerin, der Kandidat und all die anderen mit uns so, als ob wir Wähler ein bisschen dämlich wären?

          Die Echos der vergangenen Tage hallen noch nach in unseren Köpfen, die Erinnerungen sind zu frisch, als dass man sie schon sauber sortieren könnte - noch ist nicht gewiss, womit uns diese Woche im Gedächtnis bleiben wird.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          War das die Woche, in welcher eine ganz und gar fiktionale (und allenfalls halblustige) Figur namens Horst Schlämmer auf einer gutbesuchten Pressekonferenz ihre fiktionale Kanzlerkandidatur bekanntgab - woraufhin die "Bild"Zeitung diesen Schlämmer, noch vor dem Papst und Steffi Graf und elf Plätze vor Angela Merkel, zum beliebtesten aller lebenden Deutschen erklärte?

          War das die Woche, in welcher Martin Sonneborn, der real amtierende Vorsitzende einer Partei namens "Die Partei", vom offensichtlich völlig überforderten Bundeswahlleiter Roderich Egeler erst auf die mangelnde Ernsthaftigkeit seines politischen Handelns hingewiesen und dann zur Bundestagswahl nicht zugelassen wurde - obwohl "Die Partei" alle erforderlichen formalen Bedingungen erfüllt? Woraufhin Sonneborn, der Ex-Chefredakteur der lustigen Zeitschrift "Titanic", ganz ernst erklärte: "Der letzte Wahlleiter in diesem Land, der derart undemokratisch mit kleinen Parteien umgesprungen ist, ist 1946 von einem alliierten Militärtribunal erschossen worden."

          „Für Frank“

          War das die Woche, in der sich langsam, aber unaufhaltsam die Adresse jener Internetseite herumsprach, auf der sich, in kurzen Videoclips, so bekannte Künstler wie die Schriftstellerin Julia Franck, der Dramatiker Moritz Rinke und der weltberühmte Kameramann Michael Ballhaus nachhaltig blamieren bei dem Versuch, dem Volk zu erklären, warum "der Frank" jetzt Kanzler werden müsse? Steinmeier, so berichtet ganz ergriffen Rinke, habe ihn mal, morgens um zwei, nach einer sogenannten Clubnacht nach Hause gebracht. Deutsche, wählt Steinmeier: Wenn er erst Kanzler ist, bringt er euch alle nach Hause!

          War das die Woche, in der wir vor allem deshalb über die Farben auf den Jacken der Damen in Steinmeiers sogenanntem Kompetenzteam zu lästern lernten, weil, als dieses Kompetenzteam vorgestellt wurde, all seinen Mitgliedern ausdrücklich nicht gestattet war, eine Probe dieser Kompetenz zu geben und zu uns zu sprechen?

          Oder war das die Woche, in welcher man nichts sah und hörte von der Kanzlerin - und wer doch wissen wollte, was Angela Merkel eigentlich will, fand auf ihrer Homepage das sogenannte Sommerinterview von CDU TV, in welchem sie, die amtierende Kanzlerin, sagt, sie wolle "einen Wechsel herbeiführen". Ach so, und wir dachten immer, Lady Gaga sei eine ganz andere.

          Es waren also, so viel darf man vielleicht doch schon sagen, die Tage, in denen das Unbehagen an diesem Wahlkampf wuchs und wir, die Wähler, das Gefühl nicht mehr verdrängen konnten, dass wir ja sehr gerne all die wahlkämpfenden Politiker, deren Spin-Doktoren, PR-Heinis und Berater viel ernster nehmen würden - wenn wir uns nur von ihnen endlich ernst genommen fühlten: wenn also jene, die von uns gewählt werden wollen, mit uns so sprächen, wie Menschen sprechen, die einander prinzipiell für intelligent, erwachsen und zurechnungsfähig halten. Der Wahlkampf sei "so dumm wie immer", hat, arbeitshypothetisch, neulich in einem Interview der Schriftsteller Dietmar Dath gesagt - aber der Umstand, dass in diesen Tagen über Horst Schlämmer sowieso, aber auch über Sonneborns "Partei" (ihr Motto heißt: "Die endgültige Spaltung Deutschlands ist unser Ziel!") mit mehr Interesse und Engagement berichtet wird, liegt nicht etwa daran, dass wir, die Medien, so oberflächlich und blöd geworden wären, dass wir den Unterschied zwischen einem Kandidaten und einem Komiker nicht mehr erkennen könnten. Es liegt, ganz im Gegenteil, eben daran, dass hier ganz klar ist, wer sich einen Witz auf wessen Kosten macht.

          Zum Vergleich: Sarkozy, Obama

          Um den Unterschied kenntlich und unsere Mängelanzeige anschaulich zu machen, muss hier noch einmal an eine Geschichte erinnert werden, die sich in Frankreich zugetragen hat, im letzten Präsidentschaftswahlkampf, als Nicolas Sarkozy, damals Innenminister und Präsidentschaftskandidat, in einer Talkshow vom Moderator darauf angesprochen wurde, dass ihm, dem Vorsitzenden einer konservativen Partei, doch sein Glaube, das Gebet und der Kirchgang ein sicheres Fundament seien. "Wenn das so einfach wäre", hat damals Sarkozy gesagt und dann von jenen Momenten gesprochen, in welchen er ganz deutlich "l'étrangeté de la vie" spüre, ein Fremdsein im eigenen Leben. Man mag sagen, was man will, über Sarkozys Hang zum Pomp und großen Gesten - aber in diesem Moment schien zumindest die Möglichkeit auf, dass da im Fernsehstudio ein vernünftiger Mensch sitze, mit dem man ein erwachsenes Gespräch führen könne.

          Um den Unterschied deutlich zu machen, muss wohl auch an Barack Obama erinnert werden, der, als die Banken krachten und die Rezession da war, sich eben nicht von seinen Beratern ein paar schöne Floskeln zur Beschwichtigung des Publikums formulieren ließ. Sondern der erst mal zugab, dass die Probleme neu seien, die Lösung deshalb noch nicht bekannt. Und dass er jetzt erst mal Rat holen und die kompetentesten Leute befragen müsse. Und wenn die anderen, die Gegner, die Republikaner, auch mal ein paar Argumente haben, dann werden die erstaunlicherweise angehört und nicht gleich als völlig irrelevant zurückgewiesen.

          Auf einer Berliner Theaterpremiere, die einerseits eindrucksvoll und andererseits so verstörend war, dass, als der Schlussapplaus vorüber war, auch professionelle Verfertiger von Meinungen und Urteilen sich erst mal ein Getränk holen und dann, im Gespräch mit den anderen, langsam sich herantasten mussten an die Frage, was genau man da jetzt gehört und gesehen habe (was ja eher für als gegen Stück und Inszenierung sprach) - auf dieser Premierenfeier, neulich, stand da, breitbeinig auf dem sicheren Boden seiner Werte und Überzeugungen, auch der Außenminister und Kanzlerkandidat, lächelte, gratulierte dem Autor und machte, durch Mimik und Körpersprache, deutlich, dass er jedenfalls nicht verstört, ratlos, unsicher war. Er schien nicht einmal zu ahnen, dass eine gewisse "étrangeté" in der Kunst, ein Fremdsein vor einer Inszenierung, die es ihren Zuschauern ja nicht einfach machen wollte, ihm viel besser gestanden hätte. Die Schriftstellerin Julia Franck, so erzählt sie es auf der Internetseite der Initiative "Steinmeier wird Kanzler", hat dem Kandidaten einen dicken Band voller Lyrik geschenkt - womöglich traut sich Steinmeier ja bei der Lektüre, wenn keiner ihm zuschaut, ein wenig ratlos zu sein.

          Eine Empfehlung

          Steinmeier bloggt auch; die Texte sind nicht ganz so komplex geschrieben wie, nur zum Beispiel, die "Sendung mit der Maus" - und wenn Angela Merkel, in besagtem Sommerinterview, nach der Krise befragt wird, antwortet sie, erstens, dass diese Krise mit den bewährten Methoden der sozialen Marktwirtschaft schon bewältigt werden könne; und dass sie, zweitens, dafür arbeite, dass wir, die deutsche Gesellschaft und Volkswirtschaft, aus dieser Krise stärker herauskommen, als wir hineingegangen sind. Und das ist der Moment, in dem man sich noch einmal vergegenwärtigen sollte, wer da sitzt, Frau Doktor Merkel, die promovierte Spezialistin für physikalische Chemie, vertraut mit quantenchemischen Methoden - eine Frau also, die sich doch offenbar darauf versteht, mit Unschärfen umzugehen, mit Unbekannten zu rechnen, eine Frau, von der man, weil sie doch offensichtlich eine sehr intelligente und reflektierte Person ist, als Wähler so furchtbar gerne ernst genommen würde: Vielleicht sollten beide, die Kanzlerin und der Kandidat, all jene Berater und PR-Menschen und Kampagnenspezialisten, die ihnen anscheinend verbieten, mit uns Wählern wie mit Erwachsenen zu sprechen, noch vor Mariä Himmelfahrt feuern, am besten mit der Begründung: "Wenn das so einfach wäre!"

          Es kann ja nur die Angst vor dem Wähler sein, was unsere Wahlkämpfer dazu bringt, genau diesen Wähler so hemmungslos zu unterfordern, dass so viele, vor lauter Fremdsein im Wahlkampf, am liebsten Horst Schlämmer wählen würden. Wie ernst die Linkspartei ihre Wähler nimmt, offenbart sich in ihren Wahlversprechen. Wie der Generalsekretär der FDP auf Komplexität reagiert, hat er oft genug gezeigt: Er schreit. Und selbst die Grünen haben sich offenbar darauf geeinigt, dass das Publikum nur in winzigen und hübsch verpackten Dosierungen behelligt werde mit jenen existentiellen Problemen, die mit den sogenannten bewährten Methoden eben nicht zu bewältigen sind: Umwelt und Energie, Bevölkerungsschwund, Integration, Verarmung und Verwahrlosung.

          Satiren drohen Wirklichkeit zu werden

          Es sieht so aus, als hätten sich die deutschen Wahlkämpfer verschworen, die Beteiligung an der nächsten Bundestagswahl auf weniger als fünfzig Prozent zu senken. Es ist, als wäre Horst Schlämmer, der fiktionale Kanzlerkandidat, genau im richtigen Moment zu uns gekommen: um uns darauf hinzuweisen, dass jene öffentlichen Personen, die zur Wahl tatsächlich zugelassen worden sind, auch mehr die Fiktionen ihrer Spin-Doktoren sind und weniger die ernstzunehmenden, zweifelnden und denkenden Menschen, als welche wir uns diese Kandidaten auch weiterhin vorstellen wollen.

          Wenn die Klage darüber, die Wut angesichts dieser gewaltigen Unterforderung des Wählers, wenn der ganze Unmut, den dieser Wahlkampf beim Publikum bewirkt, wenn das alles ein Zeichen von Politikverdruss ist: wie gut, dass die Wähler verdrossen sind.

          Schlimmer wäre es, wenn der Verdruss schwände, wenn der Mangel nicht mehr als Mangel empfunden würde - wenn also beide Seiten sich daran gewöhnen würden, dass man einander nicht ernst nimmt und sich eigentlich auch nicht besonders füreinander interessiert. Das wäre dann, was man, etwas hochtrabend, vielleicht schon den Vorschein postdemokratischer Verhältnisse nennen könnte, eine Entwicklung, die nicht ganz so hypothetisch ist, wie das klingen mag.

          In Italien war der Verdruss irgendwann nicht mehr auszuhalten. Jetzt regiert dort eine quasifiktionale Figur, ein böser Clown, den keiner ernst nimmt. In Italien ist Horst Schlämmer an der Macht.

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