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Wahlkampf : Nehmt uns endlich ernst!

Steinmeier bloggt auch; die Texte sind nicht ganz so komplex geschrieben wie, nur zum Beispiel, die "Sendung mit der Maus" - und wenn Angela Merkel, in besagtem Sommerinterview, nach der Krise befragt wird, antwortet sie, erstens, dass diese Krise mit den bewährten Methoden der sozialen Marktwirtschaft schon bewältigt werden könne; und dass sie, zweitens, dafür arbeite, dass wir, die deutsche Gesellschaft und Volkswirtschaft, aus dieser Krise stärker herauskommen, als wir hineingegangen sind. Und das ist der Moment, in dem man sich noch einmal vergegenwärtigen sollte, wer da sitzt, Frau Doktor Merkel, die promovierte Spezialistin für physikalische Chemie, vertraut mit quantenchemischen Methoden - eine Frau also, die sich doch offenbar darauf versteht, mit Unschärfen umzugehen, mit Unbekannten zu rechnen, eine Frau, von der man, weil sie doch offensichtlich eine sehr intelligente und reflektierte Person ist, als Wähler so furchtbar gerne ernst genommen würde: Vielleicht sollten beide, die Kanzlerin und der Kandidat, all jene Berater und PR-Menschen und Kampagnenspezialisten, die ihnen anscheinend verbieten, mit uns Wählern wie mit Erwachsenen zu sprechen, noch vor Mariä Himmelfahrt feuern, am besten mit der Begründung: "Wenn das so einfach wäre!"

Es kann ja nur die Angst vor dem Wähler sein, was unsere Wahlkämpfer dazu bringt, genau diesen Wähler so hemmungslos zu unterfordern, dass so viele, vor lauter Fremdsein im Wahlkampf, am liebsten Horst Schlämmer wählen würden. Wie ernst die Linkspartei ihre Wähler nimmt, offenbart sich in ihren Wahlversprechen. Wie der Generalsekretär der FDP auf Komplexität reagiert, hat er oft genug gezeigt: Er schreit. Und selbst die Grünen haben sich offenbar darauf geeinigt, dass das Publikum nur in winzigen und hübsch verpackten Dosierungen behelligt werde mit jenen existentiellen Problemen, die mit den sogenannten bewährten Methoden eben nicht zu bewältigen sind: Umwelt und Energie, Bevölkerungsschwund, Integration, Verarmung und Verwahrlosung.

Satiren drohen Wirklichkeit zu werden

Es sieht so aus, als hätten sich die deutschen Wahlkämpfer verschworen, die Beteiligung an der nächsten Bundestagswahl auf weniger als fünfzig Prozent zu senken. Es ist, als wäre Horst Schlämmer, der fiktionale Kanzlerkandidat, genau im richtigen Moment zu uns gekommen: um uns darauf hinzuweisen, dass jene öffentlichen Personen, die zur Wahl tatsächlich zugelassen worden sind, auch mehr die Fiktionen ihrer Spin-Doktoren sind und weniger die ernstzunehmenden, zweifelnden und denkenden Menschen, als welche wir uns diese Kandidaten auch weiterhin vorstellen wollen.

Wenn die Klage darüber, die Wut angesichts dieser gewaltigen Unterforderung des Wählers, wenn der ganze Unmut, den dieser Wahlkampf beim Publikum bewirkt, wenn das alles ein Zeichen von Politikverdruss ist: wie gut, dass die Wähler verdrossen sind.

Schlimmer wäre es, wenn der Verdruss schwände, wenn der Mangel nicht mehr als Mangel empfunden würde - wenn also beide Seiten sich daran gewöhnen würden, dass man einander nicht ernst nimmt und sich eigentlich auch nicht besonders füreinander interessiert. Das wäre dann, was man, etwas hochtrabend, vielleicht schon den Vorschein postdemokratischer Verhältnisse nennen könnte, eine Entwicklung, die nicht ganz so hypothetisch ist, wie das klingen mag.

In Italien war der Verdruss irgendwann nicht mehr auszuhalten. Jetzt regiert dort eine quasifiktionale Figur, ein böser Clown, den keiner ernst nimmt. In Italien ist Horst Schlämmer an der Macht.

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