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Wahlkampf : Nehmt uns endlich ernst!

Zum Vergleich: Sarkozy, Obama

Um den Unterschied kenntlich und unsere Mängelanzeige anschaulich zu machen, muss hier noch einmal an eine Geschichte erinnert werden, die sich in Frankreich zugetragen hat, im letzten Präsidentschaftswahlkampf, als Nicolas Sarkozy, damals Innenminister und Präsidentschaftskandidat, in einer Talkshow vom Moderator darauf angesprochen wurde, dass ihm, dem Vorsitzenden einer konservativen Partei, doch sein Glaube, das Gebet und der Kirchgang ein sicheres Fundament seien. "Wenn das so einfach wäre", hat damals Sarkozy gesagt und dann von jenen Momenten gesprochen, in welchen er ganz deutlich "l'étrangeté de la vie" spüre, ein Fremdsein im eigenen Leben. Man mag sagen, was man will, über Sarkozys Hang zum Pomp und großen Gesten - aber in diesem Moment schien zumindest die Möglichkeit auf, dass da im Fernsehstudio ein vernünftiger Mensch sitze, mit dem man ein erwachsenes Gespräch führen könne.

Um den Unterschied deutlich zu machen, muss wohl auch an Barack Obama erinnert werden, der, als die Banken krachten und die Rezession da war, sich eben nicht von seinen Beratern ein paar schöne Floskeln zur Beschwichtigung des Publikums formulieren ließ. Sondern der erst mal zugab, dass die Probleme neu seien, die Lösung deshalb noch nicht bekannt. Und dass er jetzt erst mal Rat holen und die kompetentesten Leute befragen müsse. Und wenn die anderen, die Gegner, die Republikaner, auch mal ein paar Argumente haben, dann werden die erstaunlicherweise angehört und nicht gleich als völlig irrelevant zurückgewiesen.

Auf einer Berliner Theaterpremiere, die einerseits eindrucksvoll und andererseits so verstörend war, dass, als der Schlussapplaus vorüber war, auch professionelle Verfertiger von Meinungen und Urteilen sich erst mal ein Getränk holen und dann, im Gespräch mit den anderen, langsam sich herantasten mussten an die Frage, was genau man da jetzt gehört und gesehen habe (was ja eher für als gegen Stück und Inszenierung sprach) - auf dieser Premierenfeier, neulich, stand da, breitbeinig auf dem sicheren Boden seiner Werte und Überzeugungen, auch der Außenminister und Kanzlerkandidat, lächelte, gratulierte dem Autor und machte, durch Mimik und Körpersprache, deutlich, dass er jedenfalls nicht verstört, ratlos, unsicher war. Er schien nicht einmal zu ahnen, dass eine gewisse "étrangeté" in der Kunst, ein Fremdsein vor einer Inszenierung, die es ihren Zuschauern ja nicht einfach machen wollte, ihm viel besser gestanden hätte. Die Schriftstellerin Julia Franck, so erzählt sie es auf der Internetseite der Initiative "Steinmeier wird Kanzler", hat dem Kandidaten einen dicken Band voller Lyrik geschenkt - womöglich traut sich Steinmeier ja bei der Lektüre, wenn keiner ihm zuschaut, ein wenig ratlos zu sein.

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