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Steinmeiers Schattenkabinett : Die Unverbrauchte aus dem hohen Norden

Bild: dpa

Sie fiel auf, als nach dem Hungertod der kleinen Lea Sophie die Stadtvertreter Schwerins nach den politischen Verantwortlichen suchten: Manuela Schwesig. Nun ist sie die Hoffnungsträgerin in Steinmeiers Schattenkabinett.

          2 Min.

          Echter Ehrgeiz ist es, wenn er auch in aussichtslosen Situationen auftritt. Da hatten die sozialdemokratischen Rasterfahnder Glück, dass das Ergebnis ihrer Suche genau diesen Ehrgeiz besitzt.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Gefunden wurde für das „Team Steinmeier“ die Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig. Deren politische Karriere ist atemberaubend. Aber sie ist auch gefährdet, denn nirgendwo gab es bislang auf ihrem Weg durch die Politik Widerstand oder Niederlage, dafür überall nur Lob.

          Mindestlohn, mehr Geld für Hartz-IV-Empfänger

          Aufgewachsen ist sie in der östlichen Mark Brandenburg. Geboren wurde sie in Frankfurt (Oder), zur Schule ging sie in Seelow. Bis zu ihrem Eintritt in die Berufspolitik hatte sie mit Steuern zu tun, erst beim Finanzamt Schwerin, dann im Finanzministerium. Kaum in die SPD eingetreten, war sie schon 2003 im Kreisvorstand Schwerin; zwei Jahre später saß sie im Landesvorstand der SPD Mecklenburg-Vorpommern. In der Schweriner Stadtvertretung stieg sie rasch zur Fraktionsvorsitzenden auf.

          Manuela Schwesig: „Müssen uns auch um all die Kinder kümmern, die schon da sind”

          Sie fiel auf, als nach dem Hungertod der fünf Jahre alten Lea Sophie die Stadtvertreter nach den politischen Verantwortlichen suchten, die SPD dabei an der Spitze, denn es ging zwangsläufig gegen die CDU. Erst beim Sozialdezernenten, der seine Abwahl überstand, dann beim Oberbürgermeister, der abgewählt wurde. Frau Schwesig galt damals schon als derart wichtig, dass man ihr die Oberbürgermeisterkandidatur zugetraut hätte.

          Freilich bewegten sie wohl schon andere Pläne. SPD-Kandidat wurde dann jemand anders, Oberbürgermeisterin auch. Als der SPD-Landeschef Erwin Sellering etwa zum selben Zeitpunkt als Nachfolger von Harald Ringstorff Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern wurde, machte er Frau Schwesig zu seiner Nachfolgerin im Sozialministerium. Ihre Leistung dort war es, als jüngste Ministerin Deutschlands anzutreten. Sie war 34 Jahre alt. Als Vorbild nannte sie die verstorbene brandenburgische SPD-Ministerin Regine Hildebrandt, und auch ihre Forderungen wären ganz in deren Sinne gewesen: Mindestlohn, mehr Geld für Hartz-IV-Empfänger.

          Die Katherina Reiche der SPD

          Dass sie ins „Team Steinmeier“ kam, hat weniger mit ihrer bisherigen Leistung zu tun, sondern mehr mit den Kriterien für die Rasterfahndung nach den wenigen Talenten, die es offenbar in der Partei noch gibt. Die Suche ging ungefähr so: Wir brauchen einen schon etwas bekannteren Politiker, jung, unverbraucht, weiblich, mit Kind, verheiratet, aus dem Osten und fotogen.

          Freilich wirkte das wie eine Blaupause der Union von 2002. Da suchte Kanzlerkandidat Edmund Stoiber mit ähnlichen Kriterien und fand Katherina Reiche, die zu allem Wahlkampfglück damals sogar hochschwanger war. Sie ist ein knappes Jahr älter als Frau Schwesig und war in der CDU bis dahin immerhin durch eigene Meinungen aufgefallen. In Brandenburg ist sie die CDU-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl. Sie hat die Erfahrung erster Niederlagen. Das hat sie reifer gemacht.

          Frau Schwesig wird freilich nicht an Frau Reiche gemessen, sondern gilt als Gegenspielerin von Ursula von der Leyen. Da wurde schon immerzu gegengerechnet: Vom Alter her sieht Frau von der Leyen schlechter aus, aber bei der Kinderzahl steht es sieben zu eins. Der eigentliche Unterschied zwischen den beiden ist freilich die Erfahrung. Auch Frau von der Leyen hat Mehrheiten in ihrer Partei von ihrer Familienpolitik erst überzeugen müssen. Solche Auseinandersetzungen schärfen das Profil. Frau Schwesig jedoch wiederholt nur, was man von der SPD sowieso hört. Immerhin weiß sie, dass sie gute Leute um sich herum braucht. Auch hätte sie zu Steinmeiers Angebot schlecht nein sagen können, denn es ehrt auch ihren Parteichef und Ministerpräsidenten. Und schaden kann es sowieso nicht.

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