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Steinmeier nach der Wahl : Agenda 2013

Kann mehr: Frank-Walter Steinmeier Bild: Foto - F.A.Z. Wolfgang Eilmes

Nachdem sich das schlechte Wahlergebnis am Sonntag abgezeichnet hatte, bekannte Frank-Walter Steinmeier im Willy-Brandt-Haus unter geradezu frenetischem Applaus die „bittere Niederlage“. Und bewies im Moment der Niederlage echte Größe.

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          Am Sonntagabend, nachdem die ersten Hochrechnungen schon ein recht genaues Bild des Wahlergebnisses gaben, geschah etwas Unerhörtes. Nicht die Sieger traten vor und zogen die Aufmerksamkeit auf sich, sondern – der Verlierer. Unter geradezu frenetischem Applaus bekannte Frank-Walter Steinmeier die „bittere Niederlage“. Da mochte man sich wundern: Jubel für einen, der die Partei an den historischen Tiefpunkt geführt hat? Spaß am eigenen Untergang? Kollektives vorwärts und schnell vergessen? Das „Gebrüll der Verzweifelten“, wie es später im Fernsehen hieß?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es war ein wohlkalkulierter, aber zugleich authentischer Moment, mit dem der Spitzenkandidat zu sich fand und seine Partei – fürs Erste, am Tag darauf beginnen die Grabenkämpfe schon – vor dem Auseinanderbrechen bewahrte. Zu gewinnen war diese Wahl von vornherein nicht, doch wäre Steinmeier schon gefeiert worden, hätten die Sozialdemokraten nur drei Prozent mehr erreicht, als sie bekommen haben, und sich in die nächste große Koalition gerettet. Nun aber blieb ihm nichts, als blank Bilanz zu ziehen. Und mit seinem „Hier stehe ich und kann nicht anders“ bewies er Größe.

          Keine Phrasen, kein Gestus, kein Klischee

          Er hätte auch anders gekonnt. Er hätte herumeiern, nach Ausflüchten suchen oder es machen können wie sein Vorgänger Gerhard Schröder, der vor vier Jahren die Niederlage nicht erkannte und deshalb eine so jämmerliche Figur abgab. Der Kandidat Steinmeier aber schien geradezu gelöst, er hatte es kommen sehen, das unwiderrufliche Ende von elf Regierungsjahren der SPD. Von den grundlegenden Reformen, welche die Sozialdemokraten in dieser Zeit geschaffen haben, zehrt das Land und zehrt die neue Regierung – dem Koautor der Agenda 2010 aber entzieht es den Boden.

          Fand schnell in die Rolle des Oppositionsführers: Steinmeier in der Elefantenrunde

          Steinmeier hörte gar nicht auf, sein Mantra zu sprechen, fast zwölf Minuten lang redete er auf seine Leute ein, die Dramaturgie des Wahlabends geriet dermaßen aus den Fugen, dass manche Fernsehsender die siegreiche Kanzlerin gar nicht mehr vor die Kamera bekamen. Keine Phrasen, kein Gestus, kein Klischee – die Abwesenheit jedweder Pose war das Beeindruckende an Steinmeiers Rede. Der Mann war einfach nur: gefasst. Die Union feierte verhalten ihr schwaches Ergebnis, in dem die Niederlage schon wohnt, die FDP schien ihren Erfolg nur in Kompaniestärke zu ertragen. Vor die Sozialdemokraten aber traten zwei Einzelkämpfer, Franz Müntefering, der Parteivorsitzende von gestern, und Steinmeier, der Oppositionsführer von morgen.

          Eine staatstragende Schlusspointe

          Dass diese neue Rolle zu übernehmen an ihm und niemand anderem ist, bezeugt die Schwäche der SPD, aber auch den Wandel des Frank-Walter Steinmeier. Kandidat könne er vielleicht, aber Kanzler? Das war die selbst in den eigenen Reihen vernehmbar gestellte Frage, bis Steinmeier das dürftige „Duell“ gegen Angela Merkel nutzte, wie er es nutzen konnte: mit klaren Aussagen, verständlichen Sätzen und Witz. Das persönliche Medientraining hatte sich gelohnt, am Tag darauf begann die SPD, ihren Kandidaten, den sie schamhaft versteckt hatte, offensiv zu plakatieren. Bis dahin hatte Steinmeier nicht zu Unrecht als Akten ordnender Technokrat der Macht, als der Homo faber der deutschen Politik gegolten – mit reichlich praktischer Intelligenz ausgestattet, aber ohne politischen Impetus, von sozialdemokratischem Missionsgeist ganz zu schweigen.

          Für die Durchhalterede nach der Niederlage am Wahlabend aber hätte ein Medientraining allein nicht gelangt, so weit reicht das Latein der Imageberater denn doch nicht. Dieses mit gelbem Textmarker unterstrichene Script musste Steinmeier, der zuvor oftmals sprachlos, auf Spickzettel und die Hinweise der Parteiregie angewiesen schien, mit eigener, echter, nicht gespielter Überzeugung vortragen, sonst wäre das zunächst unwirklich scheinende Schauspiel nicht aufgegangen. Es hätte der Anfang vom Ende der SPD nicht nur als Volkspartei sein können. So wurde es zu einer staatstragenden Schlusspointe eines versöhnlichen Wahlkampfes, an dessen Ende erst die politischen Lager aufscheinen, in die das Land sehr wohl gespalten ist.

          Steinmeier, dessen innerparteiliche Widersacher vom linken Flügel am Wahlabend (bis auf den grob nachsetzenden Klaus Wowereit) nicht auftauchten, muss es gelingen, die SPD wieder als jene Partei kenntlich zu machen, die, wie er sagt, die „soziale Balance“ in diesem Land bewahrt. Diese „historische Mission“ reklamiert freilich die Merkel-Union genauso für sich wie die systemoppositionelle Linkspartei. Deren Widersprüche aufzuzeigen ist die Agenda 2013 des neuen Homo Steinmeier.

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