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Steinmeier : Das Beta-Tier

Kämpft um seinen Schreibtisch: Frank-Walter Steinmeier Bild:

Frank-Walter Steinmeier sollte Kanzler werden wollen. Eine Rolle, die ihm nicht passt: Er tut sich schwer mit seinen Auftritten, sie haben kein Herzblut, seine Botschaft kommt nicht an. Nun kämpft er um seinen Schreibtisch als Außenminister.

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          Er müsse schnell zu Ende reden, bevor das Geläute beginne. Keiner lacht, aber der Satz ist der lockerste, den Frank-Walter Steinmeier an diesem Nachmittag zustande bringt. Ein Satz mit Selbstironie, untypisch für einen Wahlkämpfer und dadurch sympathisch. Steinmeier macht es dann wirklich kurz: „Unser Land braucht eine starke SPD, Deutschland braucht eine starke Sozialdemokratie.“ Applaus, die Ehrengäste der Partei stehen auf.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          War da noch was? Wollte der Mann, der in die Menge winkt, nicht Kanzler werden? Auf dem Kirchhof neben der Leipziger Nikolai-Kirche sagt er es kein einziges Mal. Bald läuten die Glocken.

          Kein Glück im Osten

          Eine Woche zuvor. Auf dem Domplatz von Magdeburg fällt ebenfalls kein Wort darüber, dass hier einer Kanzler werden will. Ein Traktorenwerk von Atomkraftgegnern aus Lüchow-Dannenberg hat den Platz eingenommen, verlässt ihn just, bevor Steinmeier zu reden beginnt. Auf Anhängern wird die „Atomlobby“ als eine Herde von Schweinen mit Krawatten und in Nadelstreifen präsentiert und das Modell eines abgesägten Strommastes mitgeführt. „Lasst uns weiter stehen Seit' an Seit'!“, ruft der Kandidat den schon entschwundenen Wendland-Veteranen und jungen Punks hinterher. „Es bleibt beim Atomausstieg!“ Der Beifall für Steinmeiers Ranschmeißen an die Anti-Atomfront ist dünn.

          Kein zweiter Schröder: Steinmeier im April 2009 in Masar-i-Scharif

          Nein, es läuft nicht gut für den Wahlkampf des 53 Jahre alten Kandidaten, der zugleich sein erster Wahlkampf überhaupt in eigener Sache ist. In Ostdeutschland bewegt er sich auf schwierigem Gelände. Gerade zehn Prozent hat die SPD in Sachsen, der Heimat der Sozialdemokratie, bei den Landtagswahlen vor zwei Wochen geholt, bei 18 Prozent liegt sie laut Umfragen in den neuen Ländern. Die Kanzlerin ist Ostdeutsche. Der Vizekanzler will gerade deswegen hier punkten. „Nicht Helmut Kohl hat die Mauer eingerissen, sondern mutige Bürger der DDR. Das ist so, das bleibt so, und das wird nicht umgeschrieben“, probiert er eine Annäherung. Die gelingt nicht, in Magdeburg nicht und nicht in Leipzig. Kein Glück im Osten.

          Steinmeier tut sich schwer mit seinen Auftritten. Sie haben kein Herzblut. Das hatten die Genossen befürchtet. Er müsse in die Rolle hineinwachsen, hatte Franz Müntefering, der SPD-Chef, um Geduld geworben. Er müsse beweisen, dass er Begeisterung auslösen könne, hatten Parteistrategen gefordert. Daraus wird nichts. Der Mann mit den weißen Haaren ist nicht Kult geworden. Seine Partei hat ihn bloß nach vorne geschoben. Und er erfüllt seine Pflicht.

          Das Gegenteil von Schröder

          Gelernt hat er manches. Etwa Schachtelsätze zu vermeiden oder auf Konjunktive zu verzichten. Nur noch selten „schrödert“ er, verirrt sich das Schnarren des Ziehvaters in seine Stimme. Das ist gut so, denn Anklänge an Gerhard Schröder bringen keine Punkte. Der rote Altkanzler kommt in der Rede des Kandidaten nicht mehr vor. Schröder stand für eine klare Botschaft im Wahlkampf, selbst wenn er sie, wie in der Kampagne um den Irak-Krieg, selbst erfunden hatte. Steinmeier hat all das mitgemacht, mit ausgedacht. Aber als Typ ist er das Gegenteil von Schröder. Einen Marktplatz in Bann zu schlagen, das kann er nicht.

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