https://www.faz.net/-ge2-13smg

SPD : Auf der Suche nach dem verlorenen Mut

  • -Aktualisiert am

Wahlverlierer: Müntefering und Steinmeier im Willy-Brandt-Haus Bild: dpa

Die schlimmsten Befürchtungen sind übertroffen und die geringsten Hoffnungen unterboten worden: Mit 23,1 Prozent rutschte die SPD auf ein historisches Tief. Wie lange Franz Müntefering sich als Parteichef hält, ist fraglich.

          4 Min.

          Entgeistert und entsetzt haben die Gäste und Anhänger der SPD nach oben auf die Videoleinwand des Fernsehens geschaut. Schlimmes hatten sie befürchtet, und nur gering waren die Hoffnungen gewesen. Über den Nachmittag des Wahlsonntags hinweg wurden - auch über Twitter - Voraussagen geliefert, die SPD werde bei 25 Prozent landen.

          Entsprechend ruhig und gedämpft war draußen, im abgesperrten Gebiet der Stresemannstraße an den Biertischen, die Stimmung schon gewesen. Und dann das: 22,5 Prozent als erste Prognose für die SPD. Die schlimmsten Befürchtungen waren übertroffen und die geringsten Hoffnungen unterboten worden. Kurz keimte Freude über einen Verlust der Unionsparteien auf, aber das wurde schnell von anderem überlagert: Als die 15 Prozent für die FDP vorausgesagt wurden, kehrte Ruhe ein unter den Leuten, die so gerne wenigstens über irgendetwas gejubelt hätten. Nur Sekunden später wurde verhalten geklatscht. Immerhin in Brandenburg war die SPD stärkste Partei geblieben.

          Schmallippiges Lächeln

          Womöglich passte es zu dem Abend im und am Willy-Brandt-Haus, dass vor dem Haupteingang ein Wahlplakat der Grünen zu sehen war. Darauf waren Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Finanzminister Peer Steinbrück, der auch stellvertretender SPD-Vorsitzender ist, lachend nebeneinander zu sehen: „2005 wie 2009: Steinbrück für große Koalition.“ Die Schlussfolgerung der Grünen: „Zweitstimme Grün!“

          Noch am Freitagabend bei der Kundgebung am Brandenburger Tor hatten sich die Redner alle Mühe gegeben, sich keine Befürchtungen anmerken zu lassen. 10.000 Menschen seien da gewesen, wurde gesagt. Steinmeier rief: „Wer aufholen kann, kann auch überholen.“ Er wiederholte seine Reden aus den vergangenen Wochen: „Die Union wird von Tag zu Tag nervöser.“ Und: „Ich bin stolz auf die SPD. Ich bin stolz darauf, für die Partei kämpfen zu können.“ Und weiter: „Der Vorsprung von Schwarz-Gelb schmilzt wie ein Eis in der Sonne. Ich bin sicher: Das Wahlergebnis wird ein anderes sein als die Umfragen von gestern und vorgestern. Ich sehe eine starke SPD.“

          Als 48 Stunden später Frank-Walter Steinmeier, der Kanzlerkandidat, und Franz Müntefering, der Parteivorsitzende, gegen 18.30 Uhr ins Atrium des Willy-Brandt-Hauses kamen, klatschten die Leute und riefen sogar „Juchu“, als wollten sie sich selbst Mut machen. Doch die beiden führenden Sozialdemokraten lächelten bloß schmallippig. „Das ist ein bitterer Tag für die deutsche Sozialdemokratie“, eröffnete Steinmeier sein Statement.

          Münterfering: „Die nächsten zehn Jahre werden spannend sein“

          Er würdigte den Wahlkampf, seinen Wahlkampf, aber auch das Engagement der Partei und ihrer Anhänger. „Ich finde das toll, dass viele, viele sich mit mir nicht haben entmutigen lassen.“ Steinmeier sagte, gerade „an diesem bitteren Abend“ werde er sich seiner Verantwortung nicht entziehen. Er wolle dazu beitragen, dass die SPD wieder zu „alter Kraft“ zurückfinde, und das wolle er auch „als Oppositionsführer im Deutschen Bundestag“ tun. Zwanzig Minuten vor sieben war das, und die SPD-Anhänger klatschten, als sei soeben der Wahlsieger aufgetreten.

          „Ihr seid die Zukunft unserer Partei. Macht bitte weiter“, rief Steinmeier dem jüngeren Publikum zu. Demokratie könne nicht ohne sozialen Ausgleich gelingen, rief er, und die Erhaltung der sozialen Balance sei die historische Mission der SPD. „Diese Mission ist nicht beendet.“ Müntefering klatschte. Der Parteivorsitzende sagte, weiterhin werde die SPD alles tun, um den Sozialstaat zu erhalten. Versuche der neuen Bundesregierung, Arbeitnehmerrechte abzubauen oder auch die Nutzung der Kernenergie zu verlängern, würden an der SPD scheitern. Müntefering gab sich kämpferisch. „Die deutsche Sozialdemokratie wird sich wieder nach vorn kämpfen.“ Und: „Die nächsten zehn Jahre werden spannend sein.“ Womöglich werde die Rolle der Volksparteien sich künftig verändern. Müntefering versuchte, auch aus den Ergebnissen des Sonntags Ermutigendes abzulesen: In Brandenburg habe Ministerpräsident Matthias Platzeck gewonnen und in Schleswig-Holstein stehe es noch Spitz auf Knopf.

          Weitere Themen

          Ein Erfolg der bärtigen Weltretter

          Parlamentswahl in Peru : Ein Erfolg der bärtigen Weltretter

          Die peruanischen Wähler haben die Partei des Fujimori-Clans abgestraft. Die sektenhafte Kleinpartei Frepap profitiert vom inzwischen weit verbreiteten Frust auf die Politik – und wird zweitstärkste Kraft in einem zersplitterten Parlament.

          Topmeldungen

          Nordrhein-Westfalen : Das Volk will Rad fahren

          Der CDU-Politiker Hendrik Wüst setzt so stark aufs Rad wie noch kein nordrhein-westfälischer Verkehrsminister vor ihm. Sein Ziel: Das Bundesland soll zum Fahrradland werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.