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Rainer Brüderle : Unser neuer Wirtschaftsminister

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Ein Pragmatiker wird Wirtschaftsminister: Rainer Brüderle (FDP) Bild: dpa

Alle kennen den Pfälzer als Sprücheklopfer und Frohnatur. Doch man soll Rainer Brüderle nicht unterschätzen: Das Spiel der Macht beherrscht er, und seine Arbeitswut ist legendär.

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          Da stehen sie vor den Kameras, an jenem 17. Oktober, der alte und der neue Bundeswirtschaftsminister, ein junger und ein alter Wirtschaftspolitiker. Vielleicht weiß Rainer Brüderle an diesem Tag schon, dass er Karl-Theodor zu Guttenberg ablösen wird, vielleicht träumt er aber auch noch davon. So wie er seit Jahrzehnten davon träumt.

          Die beiden haben die Ergebnisse der Koalitionsarbeitsgruppe Wirtschaft mitgebracht, und diese Ergebnisse, das sind Brüderle-Ergebnisse, auch wenn Guttenberg sie vortragen darf. „Die Kernnachricht ist, dass wir einen klaren Schwerpunkt auf den Mittelstand legen“, sagt er. Und der zweite Schwerpunkt sei das Wachstum, und das klappe auch nur über den Mittelstand, den man von den Fesseln der Bürokratie und des Vergaberechts befreien müsse. Das also referiert Guttenberg und lobt die ganz außergewöhnlich gute Gesprächsatmosphäre in der Arbeitsgruppe. Rainer Brüderle steht daneben, lächelt in die Runde, wippt ein bisschen hin und her und sagt: „Das ist in der Tat so.“

          Der Mittelstand ist sein Thema

          Der Mittelstand, das ist Brüderles Ding, sein Thema. Das ganze Koalitionskonzept für die Wirtschaft trägt seine Handschrift, und jetzt steht fest: Er soll es auch umsetzen, als neuer Bundeswirtschaftsminister.

          Die Beamten seines Ministeriums dürfen sich jetzt an den dritten Chef innerhalb von neun Monaten gewöhnen. Nach Michael Glos, dem Müllermeister aus Unterfranken, kam Karl-Theodor zu Guttenberg, der Medienmeister aus dem Schloss, und jetzt kommt der fast 30 Jahre ältere Brüderle. Er war irgendwie immer da. Aber wofür steht er?

          Die wichtigste Lektion dieser Koalitionsfindungsphase heißt: Man darf Rainer Brüderle nicht unterschätzen. Er mag mit seinem Dialekt daherkommen wie ein Landauer Landei. Keine Weinkönigin in Rheinland-Pfalz lässt er ungeküsst, die „Bunte“ darf ihn im Tai-Chi-Kurs auf Sylt fotografieren, er klopft Sprüche wie „erst grübeln, dann dübeln“. In der „Bild“-Zeitung erklärt er die Brüderle-Diät (“Mit Wein und Fleisch 20 Kilo abgespeckt!“), und in Talkshows erläutert er, warum ein halber Liter Wein am Tag guttut, Frauen aber weniger vertragen: Schuld sei der „hohe Fettgehalt“ im weiblichen Körper. „Dabei macht der den Reiz der Frau aus!“

          Lästern über seine volkstümliche Art

          „Saufen mit Brüderle“ nannte Harald Schmidt einst einen Spot, bei dem Brüderle fröhlich mitgemacht hat. Doch wer nur die Frohnatur sieht, der sieht vieles nicht. Zum Beispiel, dass Brüderle weiß, wie man an die Macht kommt - und wie man sie behält.

          Seit den siebziger Jahren ist der studierte Volkswirt in der Politik, seit 1983 führt er den rheinland-pfälzischen Landesverband seiner Partei, seit 1995 ist er stellvertretender FDP-Bundesvorsitzender. Die Parteifreunde lästern über seine volkstümliche Art, aber bestätigen ihn auf den Parteitagen mit sensationellen Ergebnissen in allen Ämtern. Brüderle gelingt es nicht nur, seine Mannschaft hinter sich zu halten, er versöhnt nebenbei noch zerstrittene Landesverbände und Präsidiumsrivalen.

          1987 brachte Brüderle seine FDP aus dem außerparlamentarischen Jammertal auf einen Schlag zurück in die Landesregierung. Er selbst stieg vom Wirtschaftsamt der Stadt Mainz bis ins Wirtschaftsministerium seines Bundeslandes auf, und dort hielt er sich elf Jahre - mal mit der CDU, mal mit der SPD als Koalitionspartner. Nachdem er sein Ministerium für Wirtschaft und Verkehr um Weinbau und Landwirtschaft ausgebaut hatte, zählten zu seinem Ressort mehr als 1000 Mitarbeiter.

          Kleiner Anfang in Landau

          Der Anfang war aber ganz klein. Brüderles Vater gehörte ein Textilwarenladen in Landau, er verkaufte Unterhosen, Mützen und Hüte für Herren. Als Kind durfte Rainer oft die Waren ausliefern und im Laden aushelfen, am liebsten hätte der Vater ihn als Nachfolger installiert.

          Brüderle wollte immer höher hinaus und fühlt sich trotzdem immer als Anwalt der Kleinen. In seiner Partei gehört er zwar zum bürgerlich-konservativen Schaumburger Kreis. „Aber er ist definitiv kein Freund der Ackermanns, der multinationalen Konzerne oder der New-Economy-Welt“, beschreibt man ihn in der sozialdemokratischen Mainzer Staatskanzlei. Dort hat man den „sozialliberalen“ Kabinettskollegen noch in sehr angenehmer Erinnerung.

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