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Online-Wahlkampf : Die Parteien werfen ihre Netze aus

Online auf allen Kanälen Bild: dpa

Barack Obama hat es vorgemacht, nun setzen auch die deutschen Parteien verstärkt auf Online-Netzwerke. Doch die Zahl der Unterstützer selbst der Volksparteien bewegt sich Wochen vor der Wahl noch immer im unteren fünfstelligen Bereich.

          Mit viel Geld haben die Parteien Unterstützernetze für ihren Online-Wahlkampf entwickeln lassen. Die komplexen Plattformen, entworfen von Hamburger oder Berliner Webagenturen, sollen Wähler mobilisieren, Interessierte an die Kampagne binden und „Communitys“ aufbauen. Doch die Zahl der Unterstützer selbst der großen Parteien bewegt sich gut sieben Wochen vor der Wahl noch immer im unteren fünfstelligen Bereich: Etwa 15.600 haben sich bei „Meine SPD“ angemeldet; im „teAM Deutschland“ der CDU, dessen Name die Initialen der Kanzlerin aufnimmt, sind 17.800 Unterstützer registriert. „Für große Volksparteien ist das nicht viel“, sagt der Politikwissenschaftler Patrick Brauckmann, der an der Universität Leipzig über Online-Wahlkämpfe forscht.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Tatsächlich erreicht die CDU in den etablierten externen Online-Plattformen wie „Twitter“, „meinVZ“, „Facebook“ oder „Wer-kennt-wen“ „deutlich mehr Menschen als über die eigenen Domains“, wie es in einem Papier des Konrad-Adenauer-Hauses heißt, das der F.A.Z. vorliegt. Allein in meinVZ hat die Kanzlerin 60.500 Fans. An diesem Montag will die CDU weitere Bausteine ihrer Online-Kampagne vorstellen.

          „Die Geschwindigkeit ist beeindruckend“

          Digitale Netze hatte auch Barack Obama für seinen Wahlkampf genutzt, verbunden mit dem Aufbau einer riesigen eigenen Unterstützer-Datenbank. Die deutschen Parteien tun es ihm nun nach, wenngleich in viel geringerem Umfang. „Die Geschwindigkeit, mit der sich die Parteien auf einen Online-Wahlkampf eingelassen haben, ist gleichwohl beeindruckend“, sagt Brauckmann. Die meisten Parteien haben inzwischen auch eigene Videokanäle eingerichtet. „CDU TV“, „Kanal Grün“ oder „TVliberal“ werden regelmäßig bestückt.

          Von Obamas Kampagne haben sich die Parteien einiges abgeschaut

          Die CDU nimmt in ihren Webauftritten Fragen an die Kanzlerin entgegen, die Angela Merkel in Videobeiträgen beantworten will. Mitglieder des „teAM Deutschland“ können zudem Punkte sammeln, aus denen sich ein „Aktionsindex“ errechnet. Wer etwa einen Leserbrief an eine Zeitung schreibt, bekommt 200 Punkte, wenn er einen Scan der Veröffentlichung an die CDU mailt. Für einen Twitter-Beitrag gibt es 50 Punkte, für jeden hinzugefügten „Freund“ einen Punkt. Die fleißigsten Helfer sollen zum Wahlabend nach Berlin eingeladen werden. „Wir bieten viele Möglichkeiten, sich zu engagieren, ohne gleich der Partei beitreten zu müssen“, sagt Stefan Hennewig, Online-Fachmann der CDU. „Das Netzwerk ist wichtig zur Mobilisierung unserer Wähler.“ Registrierte Mitglieder können sich für gemeinnützige Arbeit melden, Veranstaltungen organisieren oder Telefonanrufe übernehmen, um kurz vor dem Wahltermin die Parteimitglieder zum Wählen zu animieren.

          Wer sich in „Meine SPD“ anmeldet, wird mit einem Video begrüßt. Es zeigt den Kanzlerkandidaten an seinem Schreibtisch, wo er eine Urkunde unterzeichnet, auf welcher der Name des neuen Mitglieds erscheint. Die Urkunde kommt dann per E-Mail. Die SPD ließ sogar ein Programm für iPhone-Nutzer entwickeln. Mit „iSPD“ lässt sich der Wahlkampf von überall verfolgen. Als „Wahlkampfreporter“ kann der Handy-Nutzer Fotos und Audiobotschaften hochladen. Während die SPD im Netz vor allem Menschen unter 35 und Erstwähler ansprechen will, sieht die CDU ihre Zielgruppen explizit auch unter den sogenannten Silver Surfern. In den kommenden Tagen will sie verstärkt auf der Seniorenplattform „feierabend.de“ werben, die sich als „Webtreff für die besten Jahre“ versteht. „Die Zeiten sind doch vorbei, in denen nur technikbegeisterte junge Menschen durchs Netz surften“, sagt CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla. „Heute sind auch immer mehr ältere Wähler online unterwegs.“

          Auch bei den Grünen steht der Gemeinschaftsgedanke im Vordergrund: Kontakte knüpfen, Aktionen planen. „Du kannst ganz easy online aktiv werden“, verspricht die Koordinatorin von „Meine Kampagne“, Lea Belsner, in einem Video. Doch zuvor werden Neumitglieder mit einer langen Liste von Datenschutzmöglichkeiten konfrontiert, mit denen sie die Speicherung einzelner Angaben unterbinden können.

          Unterstützer der FDP können in der „mit mach arena“ Punkte sammeln, um sie später im „my FDP Shop“ einzulösen. Registrierten Nutzern wird versprochen, „von Guido Westerwelle und seinem Team per E-Mail aus erster Hand“ über den Wahlkampf informiert zu werden. Wichtige Botschaften sollen ihre Empfänger sofort per SMS erreichen.

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